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Demjanjuk verhandlungsfähig : Späte Aburteilung eines „Hilfswilligen“?

Der einzige Tatbeweis? Ausweis Demjanuks Bild: ddp

Die Staatsanwaltschaft München will den Ukrainer John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Sobibor anklagen. Das Verfahren wäre eine Premiere, unter anderem deshalb, weil es keine lebenden Zeugen mehr gibt.

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          Mehr als ein Jahr dauerte der Prozess vor dem Landgericht Hagen schon, es ging um hunderttausendfachen Mord. Doch mit dem Namen des Tatorts konnten die wenigsten Passanten an einer belebten Hagener Straßenecke etwas anfangen, denen ein Student die Frage stellte: „Was wissen Sie von Sobibor?“

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Schüler, Hausfrauen und Arbeiter, so wurde im Dezember 1966 berichtet, zuckten meist nur mit den Schultern; eine Hausfrau habe auf ein Waschmittel getippt. In den Gaskammern des nationalsozialistischen Vernichtungslagers waren insgesamt bis zu 250.000 Juden an den Abgasen eines Benzinmotors erstickt. Angeklagt waren in Hagen am Ende des Prozesses noch elf Männer. Der zwölfte Angeklagte, der frühere SS-Oberscharführer Kurt Bolender, hatte sich kurz vor Beginn der Plädoyers in seiner Zelle erhängt.

          Premiere in Deutschland

          Dieser Tage zeichnet sich ab, dass die Sobibor-Prozesse, von denen der in Hagen zwischen dem 6. September 1965 und dem 20. Dezember 1966 im Hinblick auf die Zahl der Angeklagten der umfangreichste war, einen späten Nachfolger finden könnten. Denn die Münchner Staatsanwaltschaft schickt sich an, gegen den 89 Jahre alten John Demjanjuk Anklage wegen Beihilfe zum Mord zu erheben; er habe zwischen März und September 1943 in Sobibor an der Ermordung von mindestens 29 000 Juden mitgewirkt.

          Schon mehrfach vor Gericht: John Demjanjuk 2006 während einer Befragung in den Vereinigten Staaten

          Im Mai schoben ihn die Vereinigten Staaten, wo der gebürtige Ukrainer seit den fünfziger Jahren überwiegend lebte und seinen Geburtsnamen Iwan gegen John eingetauscht hatte, nach Deutschland ab, mit Ziel München-Stadelheim. Das Verfahren wäre zum einen eine Premiere in Deutschland, weil ein Mann vor Gericht käme, der nach den Erkenntnissen als sogenannter Hilfswilliger in Sobibor war, als vormaliger Kriegsgefangener und Scherge der Deutschen, die ihn im Lager Trawniki bei Lublin ausbildeten.

          Zum anderen wäre es aus prozesstaktischer Sicht bemerkenswert, weil es offenbar keine lebenden Zeugen gibt, die den Angeklagten direkt belasten und dann von der Verteidigung befragt werden könnten. So dürfte es schwierig werden, im Rahmen der Hauptverhandlung - so Demjanjuk verhandlungsfähig bleibt - die individuelle Schuld des Angeklagten zu ermitteln. Damit wäre, im Vergleich etwa zum Hagener Verfahren, ein doppelter juristischer Paradigmenwechsel zu verzeichnen.

          Nicht selbst die Initiative ergriffen

          In Hagen spielten Aussagen einiger Überlebender, die im Zuge eines Häftlingsaufstands am 14. Oktober 1943 fliehen konnten, eine Schlüsselrolle. Unter anderem sie waren entscheidend dafür, ob und inwieweit den Angeklagten die Morde, als deren Haupttäter die „nationalsozialistische Führungsspitze“ eingestuft wurde, zuzurechnen seien. Als Täter wurde verurteilt, wer die planmäßige Vernichtung der Juden „aus rassischen Gründen und mit allen Begleitumständen als eigene Tat mitvollzog“.

          Das bejahte das Gericht im Fall des ehemaligen SS-Oberscharführers Karl Frenzel; dieser habe nicht ein Minimum dessen getan, was ihm befohlen wurde zu tun, sondern ein Maximum dessen geleistet, was bei seiner Stellung im Lager möglich war. Entscheidend war auch, dass Frenzel nach Erkenntnis des Gerichts über die willfährige Teilnahme an der Mordmaschinerie hinaus Menschen getötet hatte: Für neun solcher „Exzesstaten“, bei denen er eigenhändig getötet habe, und wegen „gemeinschaftlichen Mordes an einer unbestimmten Vielzahl, mindestens aber 150 000 Menschen“ wurde Frenzel zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt.

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