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Demjanjuk verhandlungsfähig : Späte Aburteilung eines „Hilfswilligen“?

Am 11. Januar 1983 trug der Gutachter, der Historiker Wolfgang Scheffler, auf Bitten des Vorsitzenden Richters den Inhalt des Urteils vor, mit dem die Vereinigten Staaten Demjanjuk eineinhalb Jahre zuvor ausgebürgert hatten. Scheffler berichtete, Demjanjuk habe zu denjenigen Ukrainern gehört, die als „Hiwis“ den Trawnikieinheiten angehörten, die zu den „unentbehrlichen Hilfskräften“ der „Aktion Reinhard“ gehört hätten, bei der zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 über zwei Millionen Juden sowie rund 50 000 Sinti und Roma aus dem von den Deutschen besetzten Polen ermordet wurden.

Auch von der Bedeutung des Dienstausweises Demjanjuks aus Trawniki war schon damals die Rede; heute gilt dieser den Münchner Ermittlern als zentrales Beweisstück, weil auf ihm vermerkt ist, dass Demjanjuk am 27. März 1943 nach Sobibor abkommandiert wurde. Scheffler trug auch vor, dass Demjanjuk von einem früheren Mitglied der SS-Wachmannschaften im Vernichtungslager Treblinka als „der Iwan“ identifiziert wurde, der dort an den Gaskammern tätig war; auch erwähnte Scheffler die Zeugenaussagen, die Demjanjuk als jenen Mann identifiziert hatten.

Als dieser „Iwan der Schreckliche“, der auch Häftlinge gefoltert haben soll, stand Demjanjuk ab 1986 in Israel vor Gericht. In jenem Verfahren bescheinigte Scheffler als Gutachter die Echtheit des Dienstausweises aus Trawniki. 1988 wurde Demjanjuk zum Tode verurteilt; 1993 hob das Oberste Gericht Israels das Urteil auf, weil sich erwiesen hatte, dass es sich bei Demjanjuk nicht um jenen Mann handelte. Der echte „Iwan der Schreckliche“ soll der Ukrainer Iwan Martschenko gewesen sein, der schon während des Krieges umgekommen war.

Demjanjuk „spielte eine Null-Rolle“

1983, im Hagener Wiederaufnahmeverfahren, war noch nicht bekannt, dass Demjanjuk verwechselt worden war. Der Vorsitzende Richter zeigte trotzdem kein sonderliches Interesse an ihm. Nachdem Scheffler geendet hatte, sagte der Vorsitzende, diese Ausführungen seien zu einem Mann gewesen, der eventuell als Zeuge in Betracht komme, der aber immer bestritten habe, im Vernichtungslager Sobibor gewesen zu sein.

Der damalige Berichterstatter im Verfahren, Hans-Robert Richthof, der jetzt Vorsitzender Richter am Landgericht Hagen ist, sagt heute: „Demjanjuk war uns bekannt, aber er spielte eine Null-Rolle.“ Man habe Scheffler gebeten, über das amerikanische Verfahren gegen Demjanjuk zu berichten, um zu klären, ob es im Hagener Verfahren von Interesse sei, Demjanjuk als Zeugen zu vernehmen. Schließlich habe man „jede Chance auf Aufhellung“ nutzen wollen. Doch der Gutachter Scheffler, der im November vergangenen Jahres starb, habe gesagt, es würde keinen Sinn ergeben, Demjanjuk zu vernehmen, da dieser ausschließlich in der Außensicherung des Vernichtungslagers Sobibor eingesetzt gewesen und nicht mit der eigentlichen Vernichtung betraut gewesen sei: „Demjanjuk kann euch nicht informieren, der war da nicht drin.“

Auch der Angeklagte Frenzel habe sich an einen Demjanjuk erinnert, der im Außenbereich eingesetzt gewesen sei, berichtet Richthof. Er bezeichnet es als „historischen Treppenwitz“, dass Demjanjuk nun in München vor Gericht kommen soll. „Die Tatsache, dass jemand irgendwo gewesen ist, macht ihn noch nicht zum Täter“, sagt Richthof. Die Münchner Ermittler sehen es anders: Für sie war Demjanjuk in alle Stadien der Vernichtung eingebunden - in seiner Rolle als „Hilfswilliger“.

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