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Demjanjuk verhandlungsfähig : Späte Aburteilung eines „Hilfswilligen“?

Die anderen Angeklagten hingegen stufte das Gerichte als Gehilfen ein: Sie hätten die Morde nicht als eigene Taten gewollt und - anders als Frenzel - nicht aus eigener Initiative veranlasst, dass Juden ermordet wurden. Den Angeklagten Franz Wolf, der zu acht Jahren Zuchthaus wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum Mord an 39 000 Menschen verurteilt wurde, sah das Gericht indes wegen seines zynischen und sadistischen Verhaltens immerhin „in die Nähe der mit Täterwillen tätigen Aufseher“ gerückt.

Freispruch für fünf Angeklagte

Wolfs Behauptung, er sei nie antisemitisch eingestellt gewesen, sah das Gericht durch die Aussagen von Zeuginnen widerlegt, dass er sie öfter mit der Peitsche geschlagen habe; auch antisemitische Äußerungen wurden von ihm überliefert. Hingegen hielt das Gericht dem ehemaligen SS-Oberscharführer Alfred Ittner, den es wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum Mord an mindestens 68 000 Menschen zu vier Jahren Zuchthaus verurteilte, zugute, dass es bei ihm keine eigene Initiative, keinen bereitwilligen Eifer und keine Befehlsüberschreitung erwiesen sah.

Ein weiterer Angeklagter erhielt vier Jahre, zwei weitere erhielten drei Jahre Zuchthaus. Dabei könne die Höhe einer Freiheitsstrafe die Mitwirkung an der Vernichtung so vieler Menschen nicht befriedigend aufwiegen, führte das Gericht umständlich zur Strafzumessung in diesen Fällen aus. Eine lebenslange Strafe hielt es angesichts der ungleich höheren Schuld von Mittätern wie Frenzel indes für unbillig. Auch sei der Umstand mildernd ins Gewicht gefallen, dass es diese Angeklagten als untergeordnete Dienstgrade die letzten Befehlsempfänger in der Reihe der deutschen (dieses Wort hob das Gericht hervor) Mitwirkenden an der Judenvernichtung gewohnt gewesen seien, Befehle zu empfangen.

Fünf weitere Angeklagte sprach das Landgericht frei. Es bescheinigte ihnen eine „vermeintliche Nötigungsnotstandslage“: Sie hätten nur widerstrebend an den Morden mitgewirkt und seien zwar irrig, aber doch verständlicherweise davon ausgegangen, dass ihnen unmittelbare Gefahr für Leib und Leben gedroht hätte, wenn sie sich geweigert hätten. Ein Angeklagter etwa habe bei den Häftlingen als „menschlich“ gegolten und Befehle nur mit Einschränkungen befolgt. Über den Angeklagten Erich Lachmann hieß es, er habe seinen Dienst zögerlich und nur aus Furcht vor den Konsequenzen einer Befehlsverweigerung verrichtet. Dieser Lachmann war nach Erkenntnis des Gerichts ab 1942 als „Unterführer“ der sogenannten Hilfswilligen eingesetzt, zu denen Demjanjuk gehört haben soll.

Der Dienstausweis Demjanjuks

Von Demjanjuk war im Hagener Verfahren der sechziger Jahre nicht die Rede - anders als in dem Wiederaufnahmeverfahren, das der als Mittäter verurteilte Frenzel anstrengte und das zu einer abermaligen Untersuchung der Verbrechen in Sobibor führte. Weil das Gericht Widersprüche in den Zeugenaussagen ausgemacht hatte, wurden - mit einer Ausnahme - die Schuldsprüche in den „Exzesstaten“ aufgehoben, die Verurteilung als Mittäter indes aufrechterhalten.

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