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Demjanjuk-Prozess : Empörtes Raunen

Muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen verantworten: John Demjanjuk Bild: AP

Mit der Anhörung von Holocaust-Überlebenden ist der Strafprozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk fortgesetzt worden. Demjanjuks Verteidiger wählt vor dem Münchner Landgericht einen Konfrontationskurs - und sorgt damit für Empörung nicht nur bei den Hinterbliebenen.

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          Wer Konflikte scheut und in Diskussionen lieber klein beigibt, als für seine Position zu streiten, für den ist der Beruf des Strafverteidigers nichts. Das Recht des Angeklagten auf einen Verteidiger geht eben nicht zwangsläufig mit dem Respekt der Öffentlichkeit einher. Geht es gar um Mord, mag sich manch ein Anwalt auf seinem Platz nahe dem mutmaßlichen Täter recht einsam fühlen. Einige Verteidiger zeigen in dieser Lage Feingefühl, bringen bedächtig ihre Argumente vor und vermeiden es, die Konfrontation, die einem Strafprozess ohnehin innewohnt, ohne Not zu verstärken. Andere wählen den Frontalangriff, begleiten ihre Anträge mit scharfen Worten. Nach den ersten vier Sitzungstagen im Verfahren gegen John Demjanjuk, der vor dem Landgericht München II wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen im nationalsozialistischen Vernichtungslager Sobibor angeklagt ist, ist klar, dass Ulrich Busch, der Wahlverteidiger Demjanjuks, zu dieser zweiten Gruppe gehört.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Schon zum Prozessauftakt vor drei Wochen rief Busch ein empörtes Raunen der Zuschauer hervor, als er den gebürtigen Ukrainer Demjanjuk und die anderen „Hilfswilligen“, die sich aus der Todesnot der deutschen Kriegsgefangenenlager in den Dienst der SS flüchteten, mit den jüdischen Opfern des Holocausts verglich: Man dürfe neben dem Holocaust an den Juden nicht den „millionenfachen Holocaust an den sowjetischen Kriegsgefangenen“ vergessen, dessen sich Deutschland schuldig gemacht habe. Busch sah seinen Mandanten, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, in Sobibor zwischen März und September 1943 „an allen Stadien der Vernichtungsprozesses“ mitgewirkt zu haben, „auf gleicher Stufe“ mit dem (anwesenden) Nebenkläger Thomas Blatt, der das Lager überlebte, weil ein SS-Mann den damals Fünfzehnjährigen zu seinem „Schuhputzjungen“ erwählte.

          Konfrontative Linie der Verteidigung

          Man könnte es dezenter verdeutlichen, dass Demjanjuk zunächst, das ist unbestritten, ein Opfer der Deutschen war – gerade in einem Saal, in dem etliche ihre Familie im Holocaust verloren haben. Aber auch am Dienstag verfolgt Busch, neben dem Demjanjuks Pflichtverteidiger Günther Maull im Verfahren fast so dauerhaft schweigt wie der Angeklagte, seine konfrontative Linie weiter. Im Schwurgerichtssaal des Münchner Strafjustizzentrums beantragt Busch abermals, das Verfahren auszusetzen, und wirft den drei Berufsrichtern Befangenheit wegen „sachwillkürlichen“ Verhaltens vor – im Kern mit den Argumenten, mit denen er die zu Beginn des Verfahrens gestellten Anträge begründet hatte, die das Gericht am Montagnachmittag abgelehnt hatte. Sein Mandant sei „Opfer eines internationalen Justizkomplotts“, sagt Busch auch und kritisiert mit Blick auf das israelische Todesurteil aus dem Jahr 1988 gegen Demjanjuk: „Unterlagen aus dem Sumpf des mutmaßlichen versuchten Justizmordes können nicht verwendet werden.“ 1993 hatte der Oberste Gerichtshof Israels das Urteil aufgehoben, der befand, dass Demjanjuk Opfer einer Verwechslung geworden war. Den Kölner Strafrechtsprofessor Cornelius Nestler, der im Münchner Prozess etliche Nebenkläger vertritt, erinnern die Anträge des Verteidigers an ein „Tonband“.

          Der Prozess gegen Demjanjuk findet im Münchner Landgericht statt

          Dabei deuten sich zwischen den beiden Verteidigern Demjanjuks Spannungen an. Nestler gibt eine Erklärung zu den Gründen ab, warum die Nebenkläger als Zeugen vernommen werden: Von Seiten der Verteidigung sei die Befürchtung geäußert worden, es könnten sich, unter falscher Identität, „Trittbrettfahrer“ zu den Nebenklägern gesellen. Busch fordert Nestler auf, zu sagen, welcher der beiden Verteidiger diese Befürchtung geäußert habe – er werde ohnehin schon in der Öffentlichkeit diffamiert. Maull sagt, er habe es angeregt, um der Gefahr entgegenzuwirken, dass der Eindruck entstehe, es gebe „Trittbrettfahrer“. Dem sei nun „auf wunderbare Weise entgegengewirkt“ worden, sagt Nestler.

          Zeugenaussagen unter Tränen

          Mit weiteren Aussagen der Nebenkläger nimmt der Prozess, dem der Angeklagte heute wieder von seinem Bett an einer hinteren Wand des Saales folgt, seinen Lauf. Der 67 Jahre alte Nebenkläger Rudi Westerveld berichtet, er habe den Holocaust nur überlebt, weil die Eltern ihn – im Alter von nur fünf Monaten – noch rechtzeitig bei einem befreundeten Ehepaar unterbrachten, als sie selbst angeblich zum Arbeitsdienst nach Polen einberufen wurden. Nur zwei Wochen später seien seine Mutter und sein Vater in Sobibor ermordet worden. Er selbst habe in späteren Jahren einen Sohn verloren, sagt Westerveld unter Tränen – deshalb könne er nachfühlen, was seine Eltern bei der Weggabe ihres Sohnes empfunden haben müssen. Der 69 Jahre alte Robert Fransmann liest eine Liste mit Namen von Familienangehörigen vor, die in Sobibor ermordet wurden, unter ihnen auch seine Eltern.

          Im Januar soll in München Thomas Blatt aussagen, der zwar keine Erinnerung an Demjanjuk hat, aber die Bedingungen in Sobibor schildern soll: Er entkam bei dem Häftlingsaufstand im Oktober 1943. Doch schon an diesem Dienstag sagt ein Nebenkläger aus, der selbst in Sobibor war: der 88 Jahre alte Jules Schelvis. Am 1. Juni 1943 brach der Transport aus dem niederländischen Lager Westerbork auf, der ihn und seine Familie, auch seine 20 Jahre alte Frau Rachel, nach Sobibor brachte. In dem Güterwaggon seien nur ein Wasserfass und ein leeres Fass zum Verrichten der Notdurft gewesen. Nach drei Tagen in Sobibor angekommen, trennte ein SS-Mann die etwa 3000 Menschen nach Männern und Frauen. „Ich konnte sie nicht mehr küssen oder grüßen“, sagt Schelvis über seine Frau – er sah sie nie wieder. Er schaffte es, in eine Gruppe von Juden zu kommen, die zur Arbeit in andere Lager gebracht wurde. Als Schelvis von dem Grauen erzählt, das er später bei der „Liquidierung“ des Gettos Radom erlebte, muss er innehalten. Zu groß ist der Schmerz.

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