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Demjanjuk-Prozess : Die schwierige Suche nach der Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Angaben: John Demjanjuk in München Bild: AP

Die Staatsanwaltschaft zweifelt an den Aussagen des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk. Nun begann die Vernehmung eines historischen Sachverständigen. Der Prozess ähnelt bisweilen einem militärhistorischen Seminar.

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          Schwierig ist die Wahrheitssuche im Strafverfahren gegen John Demjanjuk von Anfang an gewesen. In dieser Woche kam mit der Vernehmung eines amerikanischen Sachverständigen, der auf die russische und sowjetische Militärgeschichte spezialisiert ist, die heikle Frage hinzu, wie sich historische und juristische Wahrheiten zueinander verhalten. Es ging um die Frage, wie plausibel aus Sicht des Historikers Angaben Demjanjuks über die Zeit nach seiner Gefangennahme durch die deutsche Wehrmacht sind. Demjanjuk hat in früheren Verfahren angegeben, lange Zeit in einem Gefangenenlager gewesen zu sein und sich dann später einer russischen Armee angeschlossen zu haben, die in den letzten Kriegsmonaten auf der Seite der Deutschen kämpfte. Die Staatsanwaltschaft hält diese biographischen Angaben Demjanjuks für falsch. Sie will vor dem Schwurgericht des Landgerichts München II den Nachweis führen, dass Demjanjuk von den Deutschen als Wachmann angeworben wurde und im nationalsozialistischen Vernichtungslager Sobibor Beihilfe zur Ermordung von 27.900 Menschen geleistet hat.

          Die Vernehmung des historischen Sachverständigen warf ein Schlaglicht darauf, vor welchen Herausforderungen das Münchner Gericht steht: Es muss sich um die Ergründung individueller Zurechenbarkeit und Schuld in einer Zeitspanne bemühen, die längst Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist. Beide Professionen, der Historiker und der Richter, sind um Wahrheit bemüht; doch ihre Perspektiven, ihre Maßstäbe und ihre Instrumente sind verschieden – und auch das Erkenntnisinteresse und der Erkenntnisdruck, dem sie unterworfen sind. Am Donnerstag wurde der Sachverständige von einem Verteidiger Demanjuks gefragt, ob er garantieren könne, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Gefangenenlager der Wehrmacht keine sowjetischen Gefangenen mehr gewesen seien. Nein, lautete die Antwort, eine Garantie nicht – aber es sei die logische Schlussfolgerung aus Dokumenten über Truppenbewegungen der sowjetischen Armee, die zu dieser Zeit die Region, in der das Lager sich befunden habe, eingenommen habe.

          Ausbürgerung und Abschiebung

          Der Richter muss zu einem Schuld- oder einem Freispruch gelangen. Dem Historiker sind vielfältige Nuancen dazwischen erlaubt, er kann urteilen, muss aber nicht verurteilen. In München skizzierte der Militärhistoriker Bruce Menning, der am Command and General Staff College der amerikanischen Armee in Leavenworth forscht und unterrichtet, detailliert das Kriegsgeschehen auf der Krim im Jahre 1942, in dessen Verlauf Demjanjuk in deutsche Gefangenschaft geriet. Eine Diskrepanz zog sich durch die gesamte dreitägige Vernehmung des Sachverständigen: Anders als jetzt stand damals Demjanjuk, als junger sowjetischer Soldat nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit – entsprechend karg sind die dokumentarischen Spuren, die er in dieser Zeit hinterlassen hat.

          Menning schilderte das unmenschliche System der Gefangenenlager, das die Wehrmacht unterhielt, mit Hungerrationen für die Gefangenen, deren Leben geringgeschätzt wurde. Unwahrscheinlich sei es, dass Demjanjuk – wie er in früheren Verfahren in den Vereinigten Staaten, in denen es um seine Ausbürgerung und Abschiebung ging, und in Israel, wo er auf Grund einer Personenverwechslung vor Gericht stand, behauptet hatte – in einem solchen Lager bis 1944 habe überleben können, lautete ein nüchternes Fazit des Sachverständigen, welches das Grauen, dem die sowjetischen Kriegsgefangenen ausgesetzt waren, nur ahnen ließ.

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