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Demenz-WG : Vergesslich, nicht vergessen

  • -Aktualisiert am

Bild: Felix Schmitt

Wenn die Demenz langsam von einem Menschen Besitz ergreift, scheint der Umzug ins Heim oft unvermeidlich - begleitet vom schlechten Gewissen der Angehörigen. In einer Wohngemeinschaft ist mehr Individualität möglich.

          Frau Siche sitzt auf ihrem Pflegebett. Sie trägt ein schwarzes Unterhemd und eine weiße Windel, sonst nichts. Ihre Fußspitzen baumeln über dem Boden, so hoch ist das Bett. Ihre Augen sind geschlossen. „Frau Siche, sind Sie noch müde?“ Altenpflegerin Bettina Grube klingt aufmunternd. Jetzt, um halb elf Uhr am Morgen, ist Aufstehzeit. Von acht bis zwölf Uhr hat die Pflegerin Zeit, die acht Bewohner der Demenz-Wohngemeinschaft im „Alten Forstamt“ im südhessischen Seeheim-Jugenheim zu waschen und anzuziehen, Verbände zu machen, Blutzucker zu messen und Pflegeprotokolle zu schreiben.

          Frau Siche ist die vorletzte Dame, die an diesem Morgen für den Tag bereitgemacht werden soll. Für einen Tag, der wenig Abwechslung bringen wird, die Demenzkranken aber dennoch fordert. Für einen Tag, an dessen Ende fast alle draußen spazieren gegangen sind und fast alle einige Worte gesprochen haben werden. Das ist mehr, als in vielen Altenheimen geschieht - und da ist der Grund, warum die acht Bewohner hier leben.

          Frau Siche antwortet nicht, sie lächelt nur ein wenig. Seit Anfang Februar lebt die 69 Jahre alte pensionierte Lehrerin in der Wohngemeinschaft, die vor drei Jahren speziell für Demenzkranke eingerichtet wurde. Vor einigen Woche erlitt sie einen epileptischen Anfall. Die Medikamente, die ihr Hirn vor weiteren Anfällen schützen sollen, machen müde. Gesprochen hat sie seither kaum. Studiert hat Frau Siche Englisch und Französisch. Heute kann sie keinen noch so kleinen Wunsch mehr artikulieren.

          „Bei euch stimmt doch was nicht“

          Bettina Grube ist noch nicht fertig mit Frau Siches Morgentoilette. Sie wickelt ihr einen hautfarbenen Stützverband um die Waden. Darüber zieht sie ihr Kniestrümpfe, die sie gekonnt an der Fußspitze ansetzt und dann am Bein heraufrollt. Eine blaue Plastikschüssel mit Seifenwasser steht auf dem Tisch. Vor dem Sprossenfenster des geschmackvoll restaurierten historischen Gebäudes wachsen die hellgrünen Blätter einer Kastanie. Gesicht und Hände hat sich Frau Siche mit Bettina Grubes Hilfe schon gewaschen, jetzt ist noch der Po dran. Dafür muss Frau Siche aufstehen. Bettina Grube erklärt es ihr. Frau Siche öffnet kurz die Augen und schaut sie fragend an.

          So normal wie möglich: Die große Wohnküche des „Alten Forstamts“ in Jugenheim ist das Zentrum der Demenz-WG

          Vor fünf Jahren merkte Frau Siches Mann, dass seine Frau sich veränderte. „Wir haben anfangs ihre Gedächtnislücken gemeinsam kaschiert. In Gesprächen habe ich ihre Sätze zu Ende geführt“, sagt Norbert Siche, der auf dem Flur wartet. Doch bald wurden die erwachsenen Kinder aufmerksam: „Bei euch stimmt doch was nicht.“ Untersuchungen beim Hausarzt ergaben Hinweise auf Demenz, Tests in der Frankfurter Uniklinik bestätigen die Diagnose.

          Anfangs konnte alles beinahe so weitergehen wie bisher. Norbert Siche übernahm mehr Aufgaben im Haus. Die beiden machten Wanderungen, denn laufen konnte seine Frau noch gut. Sogar Reisen unternahmen sie. Weil Dorit Siche irgendwann nicht mehr allein zu Hause sein konnte, brachte er sie in eine stundenweise Betreuung, später mehrmals die Woche in eine Tagesklinik. Als seine Frau rundum pflegebedürftig wurde, suchte er nach einer stationären Unterbringung. Nach mehreren deprimierenden Besichtigungen in Heimen wurde er auf die Demenz-WG aufmerksam: „Hier hatte ich den Eindruck, dass es ihr gutgehen würde. Sie in ein Pflegeheim zu geben, konnte ich mir nicht vorstellen.“

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