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Debatte um nationale Identität : Als ich die deutsche Fahne hisste

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Ist das Deutschland? Den Demonstranten von Pegida und ihren Ablegern sollte nicht die Deutungshoheit über das Deutschsein überlassen werden. Bild: dpa

Pegida, Asylpolitik und das Verhältnis zur muslimischen Minderheit. All diese Themen kreisen um dieselbe Frage: Was ist die deutsche Identität? Klar ist: Wer die deutsche Fahne schwenkt, sollte sie nicht als Symbol der Ausgrenzung missbrauchen. Ein Gastbeitrag.

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          Fünfundzwanzig Jahre nach der deutschen Einheit tauchen wieder echte Grundsatzfragen auf. Im Angesicht der Euro-Krise und des Ukraine-Konflikts erwarten unsere Partner von Deutschland eine starke Rolle, man möchte fast sagen: politische Führung. In der Innenpolitik sind wir überrascht von neuen rechtspopulistischen Bewegungen. Und die gesellschaftliche Mitte diskutiert leidenschaftlich über die Frage, wie viel religiöse und kulturelle Vielfalt unser Land verträgt. Hinzu kommt, dass wir 22 Jahre nach dem sogenannten Asylkompromiss wieder vor der Frage stehen, wie menschlich und weltoffen wir sein wollen.

          Ich glaube, all diese Diskussionen kreisen um eine zentrale Frage, die ungeklärt geblieben ist: Wie definiert Deutschland seine nationale Identität, auf welchem Fundament stehen wir?

          Das Vakuum ist historisch entstanden: Deutschland war geteilt. Die Tätergeneration der Nazizeit lebte noch, vor der Selbstfindung als moderne Nation brauchte das Land die Aufarbeitung der Geschichte. Die Gastarbeiter, die in den Westen und in die DDR kamen, sollten genau das bleiben: Gäste. Deutschland war kein richtiges Land, es sollte erst recht kein Einwanderungsland sein.

          Rot-grün brachte eine neue Offenheit

          Die Kanzlerschaft von Gerhard Schröder, die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft und die rot-grüne Offenheit waren ein erster Schritt in die Wirklichkeit. Auf die Ignoranz der Kohl-Zeit folgte aber auch ein Multi-Kulti-Optimismus, der die Schattenseiten der Einwanderungsgesellschaft aktiv ausblendete.

          In dieser Zeit wurde ich politisiert. Einmal feierten wir in Spandau eine Schlagerparty in einem Vereinshaus, wo eine deutsche Fahne gut sichtbar an der Wand aufgehängt war. Irgendwann fiel die Fahne herunter. Ich – das Gastarbeiterkind – stand auf, um die Fahne wieder ordentlich aufzuhängen. Für meine migrantischen Freunde war das eher selbstverständlich, aber meine deutschen Freunde fanden das unerhört.

          Der Vorfall stand symptomatisch für das Lebensgefühl noch bis vor zehn Jahren. Heute schwenken die Pegida-Anhänger die Fahne, als wäre sie ein Widerstandszeichen. Das Unbehagen gegenüber Deutschlands Rolle in der Welt, die Angst vor Flüchtlingen und Muslimen – all das nutzen neue Rechte nur, weil wir ihnen das Feld überlassen.

          Deutschland braucht keine Angst haben

          Rechtspopulisten schaffen Identität durch Ausgrenzung. Nach dem Motto: „Wir sind deutsch, aber der Islam ist nicht deutsch“. Wir sind Bürger, aber die Flüchtlinge gehören nicht dazu. Die politische Linke neigt dazu, gar nicht über nationale Identität zu reden. Eine Zeitlang war es Mode, sich nur noch als Europäer zu bezeichnen. Als ob Deutschland in diesem Europa nicht etwas beizutragen hätte. Als ob unsere Kultur, unser Denken nichts wert wären.

          Ich glaube fest daran, dass wir die deutsche Identität nicht neuen oder alten Rechtsaußen überlassen dürfen. Ein selbstbewusstes Deutschland braucht keine Angst zu haben. Es braucht niemanden zu dämonisieren. Es braucht sich nur auf sich selbst zu besinnen. Wir müssen unsere Identität neu definieren – nicht durch Ausgrenzung, sondern positiv.

          Wir sind das Land, das für Fleiß und harte Arbeit steht. Für Soziale Marktwirtschaft und gesellschaftlichen Ausgleich. Für preußische Toleranz und für Vielfalt. Wir sind das Land, das sich den Abgründen seiner Geschichte stellt.

          Den Migranten ein Vorbild

          Teil unserer Identität ist übrigens auch, dass Deutschland seine religiösen Spaltungen (zwischen Katholiken und Protestanten) meisterhaft überwunden hat. Heute haben wir ein entspanntes demokratisches Miteinander von Religion und Staat. Diese Entspanntheit kann uns auch im Umgang mit den muslimischen Gemeinden helfen. Dabei muss man nichts neu erfinden: Religion endet da, wo Recht und Gesetz anfangen.

          Eine zentrale Frage für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands ist die Integrationsfrage. Dafür brauchen wir eine starke nationale Identität. Integration heißt, dass man sich irgendwann nicht mehr als Araber, Bosnier oder Türke betrachtet, sondern als Deutscher mit allen Licht- und Schattenseiten. Deshalb müssen wir gerade den Migranten eine positive Identität anbieten. Denn wenn wir selbst unser Land nicht mögen, warum sollen es dann gerade die Migranten tun?

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