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Debatte über Stoibers Zukunft : Kabale, Intrige und Demoskopie

  • -Aktualisiert am

Ein Drama um Stoiber wie bei Shakespeare Bild: REUTERS

Verdächtige Lobreden: Zwischen Kreuth und der CSU-Zentrale steuert das Drama um Stoiber auf die Katharsis zu. Albert Schäffer berichtet aus Bayern über die Inszenierung der großen Einigkeit.

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          Eigentlich wäre die CSU am Montag gut beraten gewesen, eine Sonderausgabe des „Bayernkuriers“ mit Zusammenfassungen der wichtigsten Dramen Shakespeares erscheinen zu lassen. Es war der Tag der großen Solidaritätsbekundungen: die CSU-Bezirksvorsitzenden, das Parteipräsidium, die Vorleute der CSU-Landesgruppe - alle Parteigranden stärkten dem Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Stoiber den Rücken.

          Ein einfaches CSU-Mitglied konnte ohne eine gewisse Orientierung am Meister der Kabalen und Intrigen aus Stratford leicht den Eindruck gewinnen, in den vergangenen Wochen einem medialen Spuk aufgesessen zu sein.

          „Mit Stoiber in die politische Zukunft“

          Allein der Auftritt der einstigen Prätendenten auf den Sessel des Ministerpräsidenten, der Minister Huber und Beckstein, hatte schon shakespearesches Format. „Wir gehen mit Edmund Stoiber als Parteivorsitzendem und Ministerpräsidenten in die politische Zukunft“ - schöner hätte Huber nicht auf den Punkt bringen können, wie es um Stoiber steht. Auch Theaternovizen wissen, was die Stunde geschlagen hat, wenn die Lobreden auf den Herrscher immer lauter werden, wenn etwa, wie es Landtagspräsident Glück formulierte, „Respekt vor dem Menschen Edmund Stoiber und vor seiner Leistung“ gefordert wird, wenn Beckstein Stoiber bescheinigt, gute Arbeit für Bayern geleistet zu haben.

          Im Kreuzfeuer in Wildbad Kreuth: Stoiber und Ramsauer

          Die Inszenierung der großen Einigkeit war, wie es sich für ein ordentliches Drama gehört, auf zwei Schauplätze verteilt, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten: die CSU-Landesleitung in der Münchner Nymphenburger Straße und das Hochtal in Wildbad Kreuth. Das Gebäude der Landesleitung, in dem sich das Parteipräsidium versammelte, verströmt die betörende Tristesse des vergangenen Jahrhunderts, mit engen Fluren und niedrigen Decken. Eine Traumkulisse für jeden Regisseur, der die Spiele der Macht visualisiert - in ihr bedurfte es wenig Interpretationshilfe, was es hieß, wenn der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, Herrmann, verkündete: „Wir stehen hinter, vor, neben Edmund Stoiber, ganz wie sie wollen.“ (Siehe auch: Stoiber: „Habe noch einiges vor“)

          Solidaritätsbekundungen mit Bewegungsspielraum

          Der zweite magische Ort der CSU war am Montag das Kreuther Hochtal in der Nähe des Tegernsees. Dort ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder der Anspruch der CSU theatralisch beglaubigt worden, im deutschen Parteigefüge eine Sonderstellung einzunehmen - angefangen vom Beschluss des Jahres 1976, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufzuheben, bis zur Vorbereitung der Kanzlerkandidatur Stoibers im Jahre 2002. In medialen Darbietungen im Schatten der Tegernseer Blauberge hat die CSU-Landesgruppe, die traditionsgemäß den Reigen der Klausurtagungen in Kreuth eröffnet, eine lange Erfahrung - auch Solidaritätsbekundungen so zu gestalten, dass genügend Bewegungsspielraum eröffnet wird.

          Das Szenario, dieser Herausforderung gerecht zu werden, war durch den Vorsitzenden der Landesgruppe, Ramsauer, bestens vorbereitet gewesen. Er hatte sich am Wochenende Gedanken über eine Trennung der Ämter des Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten gemacht - „rein theoretisch“ selbstverständlich und in aller Öffentlichkeit. In unfreundlicheren Weltgegenden wären bei solchen Worten schon einmal ganz praktisch Panzer vor dem Präsidentenpalais in Stellung gegangen; in einer milden Mediendemokratie konnte Ramsauer gut gelaunt die nächste rhetorische Kurve ansteuern und wissen lassen, natürlich sei in einer großen Koalition die Vereinigung von Partei- und Regierungsamt in Stoibers Person die beste Lösung.

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