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Debatte über Prostitutionsverbot : Gegen den Strich

Straßenstrich: Hilfsorganisationen fürchten, dass ein Verbot die Lage für (Zwangs)-Prostituierte noch schwerer machen könnte. Bild: Reuters

Frauenrechtlerinnen fordern ein Verbot der Prostitution. Doch Sozialarbeiter warnen vor den möglichen Folgen: Das Problem könnte sich in Wohnviertel verlagern, und die Frauen wären schutzlos.

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          Sabine Reichert vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) macht das große verzinkte Tor hinter sich zu. Es ist zwar vor zehn Uhr am Morgen, aber das Treiben in der Geestemünder Straße beginnt schon. Würde die Sozialarbeiterin nicht abriegeln, kämen erste Prostituierte und Freier auf das Gelände. Im Kölner Norden baut Ford Autos, das Unternehmen AVG verbrennt und kompostiert Müll, die Deutsche Asphalt GmbH mischt Asphalt – und dazwischen liegt ein von der Stadt Köln hergerichtetes Gelände, „um Straßenprostituierten die Möglichkeit zu geben, ihrer Tätigkeit in einem geschützten Bereich nachzugehen“, wie es auf einer großen Tafel mit der „Haus- und Platzordnung“ heißt, die mit „Der Oberbürgermeister“ unterzeichnet ist. Es gelten strikte Regeln. In der Zeit von 12 Uhr mittags bis zwei Uhr nachts dürfen ausschließlich volljährige Personen „mit Personenkraftwagen ohne Anhänger, Motorrädern und Fahrrädern in Schrittgeschwindigkeit“ gegen den Uhrzeigersinn auf den mit grünen Sichtschutzwänden umgebenen Rundkurs einfahren.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Schon vor zwölf Jahren hat die Stadt diesen Straßenstrich ausgewiesen, den Sozialarbeiter, das Gesundheits- und Ordnungsamt und die Polizei gemeinsam im Blick haben. Davor gab es vor allem am Reichensperger- und am Ebertplatz in der Kölner Innenstadt Straßenprostitution. Obwohl in Köln ein sogenannter Sperrbezirk gilt, gingen in dem Viertel immer mehr drogenabhängige Frauen anschaffen. Anwohner klagten darüber, dass Freier wahllos Frauen und selbst Kinder ansprächen. In den Vorgärten lagen benutzte Kondome und Spritzen. So konnte es nicht weitergehen. Gemeinsam mit Kollegen aus der Stadtverwaltung fuhr Sozialpädagogin Reichert ins niederländische Utrecht, um sich den dortigen „offiziellen“ Straßenstrich anzuschauen. So entstand das Kölner Projekt Geestemünder Straße.

          Panikknöpfe in „Verrichtungs-“ und „Stehboxen“

          Unzählige Männer werden sich hier jeden Tag bis in die frühen Morgenstunden mit 40 bis 50 Frauen einig, die sich in der „Anbahnungszone“ in ausgedienten Bushaltestellen oder auf Klappstühlen feilbieten. Ist der Preis ausgehandelt, zieht man sich gemeinsam im Auto des Freiers in eine der acht „Verrichtungsboxen“ in einer alten Scheune zurück. In den Boxen müssen die Freier so nahe an der linken Wand parken, dass sie die Fahrertür nicht öffnen können. Auf der Beifahrerseite bleibt ein Fluchtweg für die Prostituierten.

          Für Freier, die zu Fuß oder mit dem Motorrad zum schnellen Sex kommen, sind zwei „Stehboxen“ vorhanden, nicht größer als Umkleidekabinen im Freibad. Die Wände am Eingang sind rosafarben. Im Inneren steht eine Plastikparkbank auf nacktem Betonboden. In jeder „Verrichtungs-“ und „Stehbox“ ist ein roter Panikknopf installiert. Für die Panik, die Jessica vor ein paar Wochen packte, gibt es hingegen keinen Knopf. Aus heiterem Himmel, beim Warten in der Anbahnungszone, brach die junge Frau zusammen. Ein Notarzt musste sie vom Gelände holen und in die Psychiatrie einweisen.

          „Wir halten ihnen nicht ständig das Ziel Ausstieg vor Augen“

          Nach Schätzung des Sozialdiensts katholischer Frauen ist mindestens die Hälfte der Prostituierten, die in die Geestemünder Straße kommen, von einem oder mehreren Rauschgiften abhängig. „Wir kümmern uns um die, die ganz unten, ganz weit vom eigenen Leben entfernt sind“, sagt Reichert. 365 Tage im Jahr müsse man sich mühsam und niederschwellig Zugang zu den Frauen verschaffen. Deshalb gibt es gleich hinter dem großen Zufahrtstor drei miteinander verbundene Baucontainer, in denen der Sozialdienst und die Stadt Köln ein Beratungsbüro und eine kleine Kaffeeküche eingerichtet haben.

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