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Debatte über „One Love“-Binde : „Ein Armutszeugnis für den gesamten Fußball“

Deutschlands Torhüter und Kapitän Manuel Neuer trägt die Kapitänsbinde mit der Aufschrift "One Love" beim Länderspiel Oman - Deutschland. Bild: Picture Alliance

Was denken LGBTQ-Personen über die Entscheidung gegen die „One Love“-Binde? In dem Konflikt hätten vor allem die Menschenrechte verloren, sagt Christian Rudolph vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland.

          2 Min.

          Wie bewertet der Lesben- und Schwulenverband Deutschland die Entscheidung von Fußballmannschaften, insbesondere der deutschen, gegen das Tragen der „One Love“-Armbinde?

          Sara Wagener
          Volontärin

          Es ist schon etwas bizarr, dass ausgerechnet der Ausdruck „One Love“ zum Politikum wird, denn nichts anderes sagt die Binde. Wir fragen uns, was mit einer Regenbogenbinde passiert wäre, ob die Mannschaft dann sogar vom Turnier ausgeschlossen worden wäre. Diese Armbinde war nur der Kompromiss einer Allianz von einigen Verbänden – mit dieser Entscheidung sieht letztendlich niemand gut aus. Die Situation ist ein Armutszeugnis für den gesamten Fußball.

          Wen sehen Sie in der Verantwortung?

          Der Hauptakteur bleibt die FIFA, die falsche Botschaften verbreitet und versucht, sämtliche Kritik mit Drohungen niederzumachen. Die Entscheidung wirkt sehr willkürlich, weil schon lange bekannt war, dass die Verbände die „One Love“-Binde tragen wollten. Darauf hat die FIFA gar nicht reagiert und ist dann kurz vor Schluss mit Druck auf die Verbände zugegangen. Uns zeigt das, dass wir den Botschaften der FIFA nicht trauen können. Insgesamt wissen wir heute, unter welchen Umständen die WM vergeben wurde und welches Unrecht im Vorfeld passiert ist. FIFA-Aussagen wie „Save the planet“ sind da einfach falsch, auch für Veränderungen bei Menschenrechten in Qatar hat die FIFA nicht gesorgt. Die Frauennationalmannschaft von Qatar existiert zum Beispiel de facto nicht mehr. Auf den Armbinden der FIFA steht nichts zu Frauenrechten oder LSBTIQ+ Rechten. Es bleiben die Sätze des WM-Botschafters von Qatar im Kopf, dass Homosexualität eine Geistesstörung wäre und Frauen Süßigkeiten. Letztendlich haben vor allem die Menschenrechte verloren.

          Christian Rudolph, Mitglied des Bundesvorstands des Lesben- und Schwulenverbands und Leiter der Kompetenz- und Anlaufstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Fußball
          Christian Rudolph, Mitglied des Bundesvorstands des Lesben- und Schwulenverbands und Leiter der Kompetenz- und Anlaufstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Fußball : Bild: Caro Kadatz

          Wie fanden Sie die Idee hinter der Aktion? Homophobie ist im Fußball durchaus verbreitet, eine Regenbogenbinde kann da scheinheilig wirken.

          Unsere Enttäuschung über das Zurückrudern war groß. Nach der EM-Erfahrung, wo die deutsche Mannschaft mit Regenbogenbinde als Zeichen der Vielfalt vorangegangen ist und andere gefolgt sind, hatten wir die Hoffnung, Ähnliches auch bei der WM zu sehen. Ich bin mir sicher, dass der DFB auch mit diesem Gedanken da reingegangen ist. Dann gab es mit der „One Love“-Binde einen weichen Kompromiss, der nicht zufriedenstellend ist und zurecht kritisiert wurde. Umso wichtiger wäre es jetzt, nicht zurückzuweichen und einzuknicken. Wie stark die Symbolik der Armbinde ist, sieht man ja an den Reaktionen. Die Frage ist, welche Bilder wir in die Welt senden wollen.

          Finden Sie, Fußball ist der richtige Rahmen für so eine Aktion?

          Der Fußball trägt hier eindeutig Verantwortung. Die WM wird in einem Land ausgetragen wo Menschenrechte und Meinungsfreiheit nicht existieren und wo Frauen und die LSBTQ+ Gemeinde Angst haben müssen. Und dann findet die WM im ganzen Glanz des Fußballruhmes als große Entertainment Show statt. Die FIFA verhält sich da nur als PR- und Marketingmaschine, aber sie trägt die Verantwortung für all die Vergehen und müsste sich um Entschädigungen, zum Beispiel für die Wanderarbeiter, kümmern. Ein weiterer Gedanke dazu: In der Vergangenheit sind die Spieler von FC Bayern München und TSG Hoffenheim auch schon wegen Beleidigungen gegen Dietmar Hopp geschlossen vom Platz gegangen. Das sind Bilder, die man jetzt im Kopf hat.

          Wie sollte der Umgang Ihrer Ansicht nach in Zukunft sein?

          Wir wünschen uns vor allem, dass die nationalen Verbände gemeinsam und stark auftreten. Die FIFA vertritt die Verbände, sie sollte sie eigentlich unterstützen und Kritik zulassen, wenn sie selbst schon keine Veränderung bewirkt. Derzeit wünschen wir uns vor allem, dass die Stimmen aus dem Fußball lauter werden, dass auch die Verbände und Spieler, die jetzt nicht an der WM teilnehmen, der FIFA klar machen, wofür der Fußball eigentlich steht. Auch die Bundesliga und die UEFA sollten sich stärker äußern. Es ist klar, dass Symboliken hier nicht ausreichen, um das Vertrauen wiederherzustellen. Zukünftig müssen stärker Taten folgen, dabei sind die Verbände, aber auch der Fußball als Ganzes in der Pflicht. Zum Beispiel brauchen wir Anlaufstellen und Ansprechpartner, mehr Aufklärung in der Öffentlichkeit, Lehrgänge und eine Stärkung von Mitarbeitern und Initiativen. Wir müssen die Menschen in die Verbände bekommen und ihnen dort einen Stimme geben. Der Fußball muss das abbilden, was an der Basis Wirklichkeit ist.

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