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Debatte über Kinderbetreuung : Sie nennen es Glück

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Längst mehr als eine Glaubensfrage: die Kinderbetreuung in Krippen Bild: dpa

Die Debatte darüber, wo Kinder am besten untergebracht sind, bringt albtraumhafte Szenarien hervor - und eine Wiederkehr längst tot geglaubter Denkmuster. Dass Frauen Frauen sagen, wie sie leben sollen, ist nicht besser als der Chauvinismus.

          Die Geschichte könnte so gehen: Ein Mann rüstet sich für das Dreißig-Jahre-Abitreffen mit seiner alten Klasse. Er weiß, kommen wird nur, wer Erfolg hatte. Er findet, davon habe er genug vorzuweisen. Genau zwanzig Jahre in Führungspositionen. Er kauft sich einen teuren Anzug und fährt hin. Aber seine alten Klassenkameraden reden nur von Frau und Kindern. Der Erfolg ist ihnen nicht so wichtig, die Familie schon. Der Mann fühlt sich nicht anerkannt. Zuerst bemitleidet er sich, dann die anderen. Schließlich legt er ihnen ausführlich dar, warum sein Lebensmodell das richtige ist. Am Ende sitzt er allein am Tisch.

          Nun geht die Geschichte in Wirklichkeit aber so: Eine Frau rüstet sich für das Klassentreffen. Sie heißt Bettina Wündrich und ist eine Journalistin, die für große Frauenmagazine gearbeitet hat. Sie glaubt, dass ihr Erfolg es ihr erlaubt, zum Klassentreffen zu fahren. Sie kauft sich ein teures Outfit. Doch sie trifft dort auf Frauen, die sie mit der Frage nach den Kindern quälen, die sie nicht hat. Sie fühlt sich nicht verstanden. Die Demütigung wird sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie möchte nun selbst die Fragen stellen. In einem Buch wird sie das Private wieder zum Politikum machen.

          In einem Interview wird Wündrich gefragt, ob es denn „verwerflich“ sei, der Kinder wegen vom Beruf zu pausieren. Und Wündrich sagt: „Wofür? Dafür, dass die Ausbildung zum Fenster rausgeschmissen ist. Die Rente noch schmaler wird. Man vom Ehemann abhängig ist. Und dass man im Fall einer Scheidung erst recht dumm dasteht, weil man auch gesetzlich dazu angehalten ist, für sich selbst zu sorgen!“ Frauen wären wahnsinnig, würden sie sich darauf einlassen. (Männer übrigens auch.) Neben den pragmatischen Aspekten führt Wündrich für die Berufstätigkeit der Frau aber auch eine Verheißung ins Feld: Glück.

          Wo gedeihen Kinder am besten? Bei den Eltern? In der Krippe? Bei beiden?

          „Einsame Spitze? Warum berufstätige Frauen glücklicher sind“ heißt ihr Buch. Die ehemalige „taz“-Chefin Bascha Mika stieß mit ihrem Pamphlet „Die Feigheit der Frauen“ in dasselbe Horn: Wer keine Karriere macht, bleibe unter seinem Niveau. Schuld daran, so die ebenfalls kinderlose und unverheiratete Mika, sei der Rückfall der Frauen in klassische Rollenbilder wie das der Ehefrau und Mutter.

          Macht nur Arbeit glücklich?

          Diese Feministinnen sagen den Frauen nicht: „Geld macht glücklich.“ Sie sagen: „Arbeit macht glücklich“. Das ist marktkonformer Großraumbürofeminismus für eine Schicht, die bürgerlich leben darf. Dabei stören vor allem Kinder. Die neuen Frauenverwerterinnen predigen jungen Müttern, nicht zu lange zu pausieren, sich in der Arbeitswelt bloß keine offene Flanke zu geben. Wer schon Kinder kriegt, soll sie bitte mit dem Beruf vereinbaren und nicht umgekehrt. Diese Frauen sind so unpolitisch, nicht einmal zu merken, wie ein Arbeitgeberpräsident sie für seine Zwecke einspannt. Man darf sich fragen, ob es nicht seit jeher viel mehr die Ökonomie ist, die die Frauenfrage in diese Richtung peitscht, als der Feminismus.

          Das Berufsleben soll nun also auch der Höhepunkt der Selbstverwirklichung der Frau sein. Haben die Feministinnen den Männern das denn je geglaubt? Nie war der Feminismus arbeitgeberfreundlicher und angepasster. Die Arbeitgeberverbände jedenfalls würden die meisten feministischen Forderungen freudig unterschreiben: Erfüllung für die Frauen und Fachkräfte für die Industrie. Diesen Lobgesang kennt man von den glücklichen Werktätigen in der DDR bis zu den Interpreten von Firmenhymnen in modernen Großunternehmen. Nur werden diese Frauen nicht zu solchen Gesängen gezwungen - sie machen sich selbst zum Humankapital. Und nennen es Glück.

          Weiblichkeit und weibliche Lebensmodelle tauchen gar nicht mehr auf, Liebe und Sexualität gelten als „Fallen“. Pornographie dagegen möchte sich eine Charlotte Roche nicht entgehen lassen. Pornographie kann man kaufen. Im Weiberrat wäre sie damit nicht durchgekommen. Feministinnen heute nennen sich geschlechtsneutral denn auch jenseits der dreißig lieber „Mädchen“ oder „Missy“, die Bezeichnungen „Mutter“, „Weib“, „Frau“ sind out. Weil man die Mutter nicht abschaffen, quotieren oder verstaatlichen kann, ist sie nur noch salonfähig, wenn sie sich als Rabenmutter gibt.

          Dreifache Blutgrätsche aus Muttertum, Beruf und Frausein

          Während die deutschen Frauenverwertungsfeministinnen über Muttertum und Beruf streiten, proben ihre französischen Kolleginnen sich schon lange in der dreifachen Blutgrätsche aus Muttertum, Beruf und Frausein. Für die graue Eminenz unter den französischen Feministinnen, die Philosophin Elisabeth Badinter, ist Mutterschaft folgerichtig das Ende der Selbstbestimmung der Frau: „So klingt das Totengeläut für die Freuden, die Freiheit und die Sorglosigkeit, die zum Status der kinderlosen Frau gehören. Wie die Nonne, die den Schleier nimmt, gehört die künftige Mutter nicht mehr sich selbst. Gott und das Baby sind für sich mächtig genug, um ihrem weltlichen Leben ein Ende zu setzen.“ Badinter war es, die das Bild der Rabenmutter positiv erscheinen ließ, indem sie ein Gegenbeispiel erfand: die Pelikanmutter. Nach der christlichen Ikonographie nährt die Pelikanmutter ihre Jungen mit dem Blut aus ihrer Brust. Wenn der Feminismus vorgibt, dass es unfeministisch sei, sein Kind zu stillen - ist das nicht ebenso das Ende der Selbstbestimmung der Frau? Ist es etwa feministisch, sein Kind wegzugeben, um dem Mann oder dem Geliebten ein guter Sexpartner zu sein? Die Aufspaltung in Raben- und Pelikanmütter verrät vor allem eines: den Selbsthass der Frauen, die sich an alten und neuen Rollenmustern die Nase blutig stoßen. Traurigstes Ergebnis dieser Orientierungslosigkeit ist der Angriff auf das Lebensmodell der Mutter. Eine Selbstverstümmelung.

          Nie gab es mehr Buchtitel, die ein derart negatives Bild der Mutter transportieren. Geradezu vernichtend ist die These der Arbeitsmarkt-Feministin Barbara Vinken in ihrem Buch „Die deutsche Mutter“. Für Vinken ist „Mutter“ eine Ideologie, um Frauen vom Arbeitsmarkt fernzuhalten. Sie will Ganztagskrippen, Ganztagskitas, Ganztagsschulen. „Erfüllt“ ist allein das Berufsleben. Vinken sieht darin selbstverständlich keine Ideologie. Eines ihrer Totschlagargumente ist, dass Hitler die Mutter zur wichtigsten Bürgerin seines Staates stilisierte. Ein Kapitel über die Mutter in der DDR gibt es in ihrem Buch nicht. Es wäre ja auch peinlich zuzugeben, dass die sozialistische Form des Totalitarismus ziemlich nahe an ihrem Ideal lag.

          Klischee der überforderten, hysterischen Mutter

          Im Buch „Die böse Mutter“ erklärt eine Psychologin, warum viele Frauen dick werden und bleiben. Ursache der Fresssucht ist natürlich falsch verstandene mütterliche Liebe. Auch den passenden Sozialneid-Titel gibt es: „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter. Von Edel-Eltern und ihren Bestimmer-Kindern“. Die Ratgeberliteratur liefert Tipps wie „Mein Job, mein Baby, mein Chef, mein Mann und ich“ oder „Die etwas gelassenere Art, Mutter zu sein“. „Kinderkacke“ ist ein klassisches Jammer-Buch, verpackt als ironische Distanzierung vom Kind.

          Das Klischee der hysterischen, überforderten, manipulierbaren oder asozialen Mutter stößt auf wenig Widerspruch. Mütter haben keine Lobby, Arbeitskräfte schon. Es scheint kaum eine schlimmere Provokation zu geben als Frauen, die gern bei ihren Kindern sind - und das auch noch zu Hause. Mütter, die sich den Zwängen der Ökonomie zumindest für eine gewisse Zeit entziehen. Um den Anfang des Lebens freizuhalten vom Diktat einer gewalttätigen, kapitalistischen oder sozialistischen Logik. So sind es die Kinder, auf die die Entsolidarisierung mit den Müttern letztlich zielt. Die Kinder sind die wahren Schuldigen der weiblichen Berufsmisere.

          Durchrationalisierter Mensch

          Die Debatte darüber, was nun mit den Kindern zu geschehen habe, bringt albtraumhafte Szenarien oder aber blanken Unsinn hervor. So liest man im „Spiegel“ zur Kindererziehung zunächst den Allgemeinplatz, eine Gesellschaft brauche Orte „gebündelter Gemeinschaft“. Alles solle wie ein Dorf vernetzt sein: „Erziehungshilfen und Ausländerberatung, Kinderarzt, Psychologe, Gynäkologe und Hebamme; der sozialpädiatrische Dienst, Zweigstellen des Jugendamts, der Kirchen und der Polizei“. Wohlgemerkt, es geht hier um Kinder, nicht um Kriminelle. Vom Elternhaus als Ort „gebündelter Gemeinschaft“ ist kaum noch die Rede. Vielmehr zeichnet sich die Zukunftsvision des durchrationalisierten Menschen mit verstaatlichtem Kind ab.

          “Mein Bauch gehört mir“, proklamierten einst die Feministinnen. Ihre marktgängigen Nachfolgerinnen wollen sich vom Staat rundum die Fürsorge für ihre Kinder garantieren lassen. Dass sie damit gleichzeitig das Selbstbestimmungsrecht über diesen Bauch schwächen, wollen sie nicht verstehen. Dazu denken sie viel zu konform. Verbreitet ist unter ihnen auch die Annahme, alle Frauen seien Feministinnen, was die Frauenfrage natürlich wesentlich vereinfachen würde. Das haben ihre Vorgängerinnen anders gesehen und sich abgegrenzt. Für die jetzige Generation ist das Private nicht mehr politisch, es darf verstaatlicht werden.

          Man muss sich als Frau sagen lassen, wie man zu leben hat

          Eine Frau führt heute ein Frauenministerium und gibt sich tolerant. Sie ist gegen eine starre Quote und hat nicht grundsätzlich etwas gegen Frauen, die ihre Kinder zu Hause betreuen wollen, auch wenn sie selbst es anders macht. Ihre Gegnerinnen dagegen diskriminieren und diskreditieren diese Frauen als „Heimchen am Herd“ und nennen das Betreuungsgeld „Herdprämie“ oder gleich „Verdummungsprämie“. Anscheinend muss man sich als Frau immer noch sagen lassen, wie man zu leben hat.

          Ausgerechnet ihrer Minister-Erzfeindin ähneln die angeblich linken Verwertungsfeministinnen aber mehr, als sie wahrhaben wollen: brennender Aufstiegswille innerhalb großer Institutionen, verbunden mit einer im Grunde unpolitischen und angepassten Haltung. Dass sie „karrieregeil“ sei, hat auch eine Frau Schröder schon zugegeben. Mit ihren Vorgängerinnen haben die Gleichheitsfeministinnen dagegen weniger gemein, als ihnen lieb sein dürfte. Ihr Konformitätsdenken ist von der Angst regiert, ihnen könnte etwas vorenthalten werden, doch in ihrer Wahlfreiheit liefern sie sich den Institutionen aus, statt sie zu verändern. Die alte feministische Garde hat vom alternativen Kinderladen bis zur Vollzeitmutter wesentlich mehr Modelle zugelassen und sie selbst geformt.

          Der Witz und die Pointe der Frontfrauen von damals muten heute fast nostalgisch an. Als vor zehn Jahren das Buch der Autorin Ute Kätzel über die Achtundsechzigerinnen in Berlin vorgestellt wurde, war der Saal der Heinrich-Böll-Stiftung voller Frauen, die meisten jenseits der fünfzig. Gegen Ende der Veranstaltung fragte die Moderatorin, was die Emanzipation ihnen denn nun gebracht habe. „Lauter alleinstehende Frauen“, rief eine Dame aus dem Publikum. Der Saal bebte vor Lachen.

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