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Debatte über Kika-Doku : Liebe ohne Schweinefleisch

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Der Bundestagsabgeordnete von der AfD Dirk Spaniel wirft dem Kinderkanal von ARD und ZDF „unverantwortliche Manipulation und Indoktrination Minderjähriger“ vor. Er hatte der Kritik an der Sendung über seine Facebook-Seite große Öffentlichkeit verschafft. Im Kern lautet sein Argument: Hier wird Kindern ein Zustand als normal dargestellt, der alles andere ist. Anstatt rückschrittliche Werte, denen Malvina sich fügen soll, als solche explizit zu benennen, vermittelt der Film, dass Freiheit verhandelbar ist. In ähnlichen Liebesbeziehungen sei es zu tödlicher Gewalt gekommen. Kinder müssten gewarnt, nicht gewöhnt werden.

„Das mit dem Heiraten wird nichts“

Doch Medienpädagogen widersprechen der Einschätzung, dass Jugendliche den Film missverstehen würden. Im Gegenteil, sagt Kathrin Mertes von der Universität Mainz. Gerade dadurch, dass die eloquente und reflektierte Hauptperson Malvina sich selbst verteidigen kann und klare Grenzen zieht – „Kopftuch trag ich nicht“ – „Das mit dem Heiraten wird nichts“ –, mache sie einen viel stärkeren Eindruck auf Jugendliche, als die Stimme eines erwachsenen Erzählers aus dem Off es könnte. Durch die O-Töne ihrer Eltern und eines Freundes würden auch die Positionen von Erwachsenen und Außenstehenden artikuliert. Risiken der Situation würden klar. „Ohne dass das mit der Brechstange geschieht.“

Ein Problem für Grundsatzkritiker wie Spaniel, der die Sendung als „gefährliche Propaganda“ geißelt, ist, dass sie einen Alltag in Deutschland zeigt. Es gibt viele Verhältnisse wie das zwischen Malvina und Diaa. Infolge des Zuzugs Hunderttausender junger Männer und des Engagements vieler junger Frauen in Flüchtlingsunterkünften, Sprachkursen und Begegnungsstätten sind zwangsläufig Beziehungen entstanden. Es handelt sich ja oft um Teenager. Jugendlichen das nicht zu zeigen würde bedeuten, diese Beziehungen zu verleugnen. Sie zu zeigen, ohne die tiefgreifenden Probleme, die sie mit sich bringen, hieße, sie zu verfälschen.

Seine Frau soll Kopftuch tragen. Und wenn sie nicht will? Szene aus der Kika-Reportage  „Malvina, Diaa und die Liebe“
Seine Frau soll Kopftuch tragen. Und wenn sie nicht will? Szene aus der Kika-Reportage „Malvina, Diaa und die Liebe“ : Bild: Kika Kinderkanal

Dennoch hat „Malvina, Diaa und die Liebe“ ein grundlegendes Problem. Die präzise und intime Dokumentation von Autor Marco Giacopuzzi ist zwar in sich überzeugend, doch hat der Sender es versäumt, sie richtig einzubetten und damit einzuordnen. Außerdem hat er das sensible Thema anscheinend nicht ernst genug genommen.

Es fängt damit an, dass Kika das Alter von Diaa am Montag auf seiner Website korrigierte. Erst hieß es dort, der Syrer sei siebzehn. Dann wurde sein Alter auf neunzehn Jahre korrigiert. Danach musste der Kinderkanal auch noch erklären, wieso der junge Mann, in der Dokumentation Diaa genannt, in einem anderen Video auf der Kika-Website plötzlich Mohammed hieß. Schließlich wurde dieses zweite Video ohne Erklärung gelöscht.

Es wurde auch nie richtig erläutert, dass die Sendung sich nicht an die übliche Zielgruppe des Senders richtet, also an Drei- bis Dreizehnjährige. Denn einmal im Jahr – im Rahmen einer Themenwoche – kann in der letzten Stunde vor Sendeschluss eine Sendung ausgestrahlt werden, die für Jugendliche bis 16 geeignet ist. Das war 2017 „Malvina, Diaa und die Liebe“. Zu viele Fehler für eine sensible Thematik.

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