https://www.faz.net/-gpf-6zkyj

Debatte über EM-Boykott : Instrumentalisierte Leidenschaft

  • -Aktualisiert am

Ausgelassener Jubel auf der Ehrentribüne: Bundeskanzlerin Angela Merkel freut sich über einen deutschen Treffer im Viertelfinale gegen Argentinien bei der Fußball-WM 2010 Bild: AP

Wegen der Haftbedingungen für die ukrainische Oppositionsführerin Julija Timoschenko debattiert die deutsche Politik über einen Boykott der Fußball-EM. Kanzlerin Merkel führt auf den Spuren ihrer Vorgänger Kohl und Schröder die „Fußballisierung“ der Politik fort.

          3 Min.

          Des Politikers Traum: so beliebt zu sein wie die Helden des Sports, so umworben zu sein von seinen Anhängern wie die Stars der Arenen, so gefeiert zu werden wie die großen Vereine. Natürlich hat es ihnen um Fußball zu gehen, nicht etwa um den wahrscheinlich dopingverseuchten Radsport oder um sogenannte Randsportarten. Fußballspieler - vor allem natürlich die Männer - sind beliebt, und weil das Prinzip „nahe bei den Menschen“ zu sein hochgehalten wird, ist die Debatte ausgebrochen: Boykott der Fußball-EM in der Ukraine! Wenigstens Verlegung von Spielen! Oder auch Ankündigungen, nicht hinzufahren.

          Die Haftbedingungen von Julija Timoschenko in der Ukraine werden in der innenpolitischen Debatte in Deutschland als Gründe angeführt. Kanzlerin, Minister, Parteivorsitzende und Abgeordnete scheinen gefragt. Mediale Wirkungen sind gesichert.

          Fußball-Leidenschaft nicht mehr privat

          Die Zeiten sind so. Sie haben sich geändert. Hätten Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt und Helmut Schmidt, die ehemaligen - teils damals schon älteren - Kanzler der jungen Bundesrepublik, eine Fußball-EM „boykottieren“ können? Hätte mithin in der deutschen Innenpolitik eine Debatte ausbrechen können, ob deutsche Bundeskanzler und andere Mitglieder des Kabinetts zur EM fahren dürfen, sollen, können?

          Die Antwort lautet „nein“. Einst galt die Regel, die Politiker sollten sich auf die Politik konzentrieren - und eigentlich interessierte es auch niemanden, ob ein Prominenter aus der Politik auch Fachmann in Fußballangelegenheiten sei. Aus derlei Privatem wurde nicht viel Aufhebens gemacht. Die einen interessierten sich halt für den Fußball, die anderen für Faustball. Versuche blieben aus, die dauerhaft beliebteste Sportart für Zwecke politischer Beliebtheit zu instrumentalisieren.

          Die Politik sucht die Nähe zu den Fußballhelden: Die Kanzlerin gratuliert Mesut Özil in der Umkleidekabine der DFB-Auswahl nach dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei im Oktober 2010; der damalige Bundespräsident Christian Wulff schüttelt Manuel Neuer die Hand. Diese Foto ließ das Kanzleramt gezielt über Agenturen verbreiten Bilderstrecke

          1964 beispielsweise, als die Endrunde im damals ganz und gar nicht demokratisch regierten Spanien abgehalten wurde, war die Mannschaft der Bundesrepublik nicht qualifiziert, was freilich manche Akteure im politischen Milieu heute von der Aufforderung, das Sportereignis zu verlegen, oder auch der Ankündigung, man werde nicht dort hinreisen, nicht abhalten würde. Und auch 1976, als das ebenfalls nicht demokratische Jugoslawien Gastgeber und die deutsche Mannschaft sogar ins Endspiel gekommen war (man erinnert sich: Uli Hoeneß versagte im Elfmeterschießen gegen die Tschechoslowakei), gab es eine solche innenpolitische Debatte nicht.

          Obwohl das Fußballspielen schon damals überaus populär gewesen war, glaubten die Vertreter des Staates weithin nicht daran, sie könnten durch Einmischungen in die Angelegenheiten des Sportes Nutzen aus dessen Beliebtheit ziehen - auch nicht bei Fußballweltmeisterschaften. Während des legendären Wembley-Finales 1966 war Ludwig Erhard im Urlaub am Tegernsee. Er beließ es bei einem Glückwunschtelegramm für die „faire Haltung“ der Spieler, das „dritte Tor“ hingenommen zu haben, und für die „hingebungsvolle Arbeit“ von Trainern und Betreuern. Ein halbes Jahr später war er nicht mehr Bundeskanzler.

          Dabei war Erhard ein bekennender Fußballanhänger. Hans Tietmeyer, Jahrzehnte später Präsident der Bundesbank, erinnerte sich, was er zu Beginn seiner Arbeit im Wirtschaftsministerium erlebte: „Man durfte ihn nicht stören, wenn ein Spiel der Mannschaften Nürnberg oder Fürth auf dem Plan stand.“ Viel Aufhebens davon machte Erhard freilich nicht. Spätere Nachfolger hätten den Aufstieg Fürths in die erste Liga gefeiert wie die Spieler selbst.

          Die Wende kam mit Helmut Kohl

          Beim Endspiel um die Fußballweltmeister 1974 in Deutschland waren Bundespräsident (Walter Scheel) und Bundeskanzler (Helmut Schmidt) zwar im Stadion, und Scheel war, sei es wegen eines guten Platzes auf der Ehrentribüne, sei es wegen seines Hanges zur Volkstümlichkeit, immerhin auch auf den Siegerfotos mit den jubelnden Beckenbauer, Maier und Breitner zu sehen. Doch nicht einmal Scheel, geschweige denn Schmidt drängte es sodann in die Umkleidekabine der duschenden Helden.

          Die Wende kam mit Helmut Kohl. Es begann die Zeit, als in den tagesbezogenen Biographien davon die Rede war, dass sich Kohl - beispielsweise - als Mittelfeldspieler Mühe gegeben habe. Mit einem größeren Tross - aus der Siegermannschaft von 1974 waren der Trainer Helmut Schön und die Spieler Maier und Overath dabei - reiste er 1986 zum Weltmeisterschaftsendspiel nach Mexiko. Fortan begannen sich Kanzlerbesuche in Spielerkabinen einzubürgern. Kohl hatte wegen der Niederlage gegen Argentinien angeblich den Spielern Trost spenden wollen.

          Von Gerhard Schröder hieß es später, er sei in jungen Jahren Mittelstürmer gewesen und habe - wahrscheinlich wegen seiner Spielweise - einen Kampfnamen gehabt: Acker. Über seinen Vizekanzler Fischer wurde gesagt, er könne nicht bloß in der Politik ein Mann rabiaten Vorgehens sein. Edmund Stoiber, in jenen Jahren Kanzlerkandidat, sagte, immer schon habe er sich für Fußball interessiert und auch in verschiedenen Vereinen, beginnend mit dem FV Oberaudorf, gespielt - mit begrenztem Erfolg. „Die guten Spieler haben vorn gespielt. Ich war meist Verteidiger. Sicher war ich nicht der Beste, wohl aber der Leidenschaftlichste.“ Bei Bayern München brachte er es dann an die Spitze des Verwaltungsbeirates. Fußball als Männersport.

          Angela Merkel hat sich, seit sie Bundeskanzlerin ist, zur Fußballanhängerin entwickelt. Auf Tribünen feiert sie - mehr als ihre Vorgänger. Gern geht sie zu den Spielern, die sich dann auch nett über den Besuch äußern. Das Verhältnis der Bundeskanzlerin zur Nationalmannschaft wird, als gehe es um das Verhältnis zum französischen Präsidenten, als freundschaftlich beschrieben. Vor zwei Wochen ist Trainer Löw im Bundeskanzleramt gewesen. Er und Angela Merkel kennten sich gut, heißt es in einem Video der Bundesregierung. Es wird geschildert, wie die beiden „gemeinsam“ ein Interview geben.

          Weitere Themen

          Wo kommen die Fachkräfte her? Video-Seite öffnen

          Arnstadt : Wo kommen die Fachkräfte her?

          In der thüringischen 30.000-Einwohner-Stadt will der chinesische Batteriezellenhersteller CATL ein großes Werk errichten. Die Leiterin der Arbeitsagentur Arnstadt, Martina Lang, erklärt, wo die Fachkräfte herkommen sollen.

          Topmeldungen

          Impeachment-Ermittlung : Trumps Flucht nach vorn

          Der Stabschef des Präsidenten gibt zu, dass Militärhilfe für Kiew an parteipolitische Bedingungen geknüpft wurde. Trump will so tun, als wäre das ganz normal – und könnte damit durchkommen.

          Deal mit Amerika : Ein Erfolg für Erdogan

          Die Verhandlungen des türkischen Staatspräsidenten mit dem amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence führen zu einer fünf Tage langen Waffenruhe. Wie hoch ist der Preis? Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.