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DDR-Soldaten : Mein Jahr an der Grenze

Grenzenlos war nur die Langeweile: DDR-Grenzsoldat auf Patrouille Bild: Wolfgang Haut, Bearbeitung F.A.S.

Im Grundwehrdienst wurde ich zur Grenze gezogen. Wir sollten die DDR vor dem Feind aus dem Westen schützen. Ich habe ihn nie gesehen.

          Von November 1976 bis April 1978 war ich in der DDR Grenzsoldat. Es war die Zeit, in der man uns im Politunterricht anhand von drei Beispielen erklärte, wer unsere Feinde waren: 1975 hatte der fahnenflüchtige Kriminelle Werner Weinhold bei seiner Flucht in den Westen zwei Grenzsoldaten erschossen. 1976 war Michael Gartenschläger an der Grenze gestorben, als er versucht hatte, eine Selbstschussanlage am Grenzzaun abzubauen. Und im November 1976 durfte Wolf Biermann nach seinem Konzert in Köln nicht mehr in die DDR zurückkehren. Weinhold, Gartenschläger, Biermann – sie wurden tatsächlich in einem Atemzug genannt.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ich konnte nichts dagegen tun, im Grundwehrdienst zur Grenze gezogen zu werden. Offiziell galten die „Grenztruppen der DDR“ zwar als eigenständig. Aber auf diese Weise konnte die DDR mehr junge Männer unter Waffen halten – über die Nationale Volksarmee (NVA) hinaus. Grenzsoldaten wurden in der DDR nicht anders behandelt als andere Soldaten. Wer studieren wollte, musste sich auf mindestens drei Jahre Wehrdienst einstellen. Ich hatte einiges Glück, diesem ungeschriebenen Gesetz zu entkommen: Meine Zeit als Soldat endete nach dem Grundwehrdienst von achtzehn Monaten. Im ersten Diensthalbjahr hatte ich eine Ausbildung in Eisenach zu absolvieren. Der Politunterricht wurde dort besonders ernst genommen, sollten wir doch an vorderster Front dem Klassenfeind gegenüberstehen.

          Undurchschaubares Geschehen

          Offiziell hieß es, dass wir die DDR-Grenze vor dem westlichen Feind schützen sollten. Ein Blick ins Ausbildungsbuch aber zeigte, was sowieso jeder wusste: Die Grenzanlagen waren nach Osten ausgerichtet. Sie sperrten die DDR-Bürger ein.

          Im Politunterricht erfuhren wir immerhin das Geheimnis, dass die beiden Weinhold-Opfer im Dienst wohl geschlafen hatten. Ein anderes Geheimnis – dass Gartenschläger von der DDR-Staatssicherheit erschossen wurde – verriet man uns hingegen nicht. Und Biermann war insofern ein besonderer Fall, als die meisten von uns seinen Namen hier zum ersten Mal hörten: ausgerechnet im Politunterricht der Armee. Während unserer Ausbildungszeit kursierten Gerüchte, dass sich ein Soldat mit seiner Maschinenpistole erschossen habe, weil er das Leben in der Kaserne nicht mehr ausgehalten habe. Wir konnten nicht herausfinden, ob die Geschichte stimmte. Geheimhaltung und Desinformation bestimmten unseren Alltag. Ich fand mich inmitten eines Geschehens, das ich sowieso nicht durchschauen konnte. Also reduzierte es sich auf so einfache Fragen wie Schlaf, Essen, Post und die wenigen Tage Urlaub. Der Unterschied zu einem Straflager, so dachte ich mit meinen achtzehn Jahren, konnte groß nicht sein. Und ich glaubte sogar zu wissen, wofür ich bestraft wurde: für meine kurze Wehrdienstzeit.

          Nachdem Eisenach überstanden war, ging es für ein Jahr an die Grenze. Ich kam nach Lauchröden, einem von der Außenwelt durch einen Zaun vollkommen abgeschnittenen Dorf an der Werra. Die Bewohner brauchten mehrere Passagierscheine, um in ihren Ort zu gelangen. Wir Soldaten hatten sie am Schlagbaum gleich neben der Grenzkompanie zu kontrollieren. Mit der Maschinenpistole durch einen Bus zu gehen war so normal wie der laute Furz des angetrunkenen Kompaniechefs während einer nächtlichen Kontrollstreife, den er grinsend als besonderes Grenzsignal deklarierte. Ich hatte auf Befehl zu lachen.

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          Die Grenzkompanie, eine Kaserne in Kleinformat, war ein Standardplattenbau. Zwölf Mann schliefen in Doppelstockbetten auf einem Zimmer – das unterschied sich kaum von anderen Truppen. Nur der militärische Drill war nicht ganz so schlimm. Das Gebäude steht heute noch. Einige Zeit nach der Wende bin ich noch einmal nach Lauchröden gefahren, um ein persönliches Einheitsfest zu feiern. Die seinerzeit abgerissene Brücke über die Werra war wieder errichtet, die Grenzkompanie ein Gewerbegebiet, Lauchröden wieder ein hübsches thüringisches Dorf. Eines der wichtigsten Projekte deutscher Einheit wurde gerade vollendet – die A4 zwischen Eisenach und Bad Hersfeld. Sie durchquerte nun gleich an mehreren Stellen meinen alten Grenzabschnitt. Ich stand bei meinem Besuch im früheren Westen und schaute auf den Osten, so wie ich es damals Tag für Tag umgekehrt hatte tun müssen. Ich lief durch die Dörfer im Westen, die damals direkt vor uns lagen und doch unerreichbar waren.

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