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Werbeverbot für Zigaretten : Sieg über die Tabaklobby

  • -Aktualisiert am

„20,679 physicians say ’Luckies are less irritating’" heißt es auf dieser alten Zigarettenreklame. Bild: AP

Jahrelang hat die Union das Tabakwerbeverbot blockiert, bevor sie nun ihre Meinung änderte. Endlich kommt es auch in Deutschland – als letztem EU-Land.

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          Fast in der ganzen Europäischen Union dürfen Tabakkonzerne keine Werbung machen. Nur in Deutschland gibt es noch Zigarettenreklame an Bushaltestellen und Litfaßsäulen. Die CDU wollte es so. Erst in der vergangenen Woche hat sie ihren Widerstand gegen ein Werbeverbot aufgegeben. Es war die letzte Chance, zu beweisen, dass ihr die Gesundheit von Jugendlichen wichtiger ist als die Tabaklobby.

          Wer mit achtzehn Jahren noch nicht raucht, fängt wahrscheinlich nicht mehr an. Wer aber einmal anfängt, kommt nicht mehr so leicht davon los. Nikotin entspannt, fühlt sich gut an, gibt einen Kick. Wenn es fehlt, wird der Raucher reizbar und rastlos. Das eigentlich Gefährliche an der Zigarette sind aber die Schadstoffe: Die setzen sich auf die Schleimhäute, lassen Gene mutieren, Zellen wachsen, Tumore entstehen. Jedes Jahr sterben mehr als 120.000 Deutsche an den Folgen des Rauchens.

          Doch die Mehrzahl der CDU-Politiker hatte für die Warnungen der Ärzte bisher kein Ohr. Sie haben lieber die Argumente der Tabaklobby wiedergekäut: Die Reklame spreche nur Raucher an, wende sich gar nicht an Jugendliche. Irgendwann müsse es mal reichen mit den Verboten. Was bitte, solle als Nächstes kommen, ein Werbeverbot für Schokolade und Bier? Zucker und Alkohol sind allerdings in Maßen nicht schädlich, Zigaretten hingegen schon beim ersten Zug. Im Fernsehen ist Tabakwerbung seit den siebziger Jahren verboten, Reklame für Alkoholisches und Süßes aber weiterhin erlaubt. Es ist also falsch, dass ein Verbot immer mit weiteren einhergeht. Lehrer dürfen ihre Schüler nicht mehr schlagen. Und im Auto muss man sich anschnallen. Würde da auch irgendwer von Verbotsfuror sprechen?

          So viel zu den irreführenden Argumenten. Geradezu infam aber ist die Behauptung, Werbung wirke nicht auf jugendliche Nichtraucher. Denn unzählige Studien haben das Gegenteil bewiesen. Mit dem Spruch „Don’t be a maybe“ zielt Marlboro auf all jene, die noch nicht recht wissen, wer sie sind. Und Lucky Strike hat wohl pubertierende Rebellen im Sinn, wenn es den Satz „Hauptsache, man macht es allen recht“ so korrigiert, dass „Hauptsache echt“ herauskommt.

          Volker Kauder, der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Union, beschwor trotzdem immer wieder das Schreckgespenst einer „Verbotspartei“. An ihm scheiterte ein fertiger Gesetzentwurf der Bundesregierung. Und auch aus dem Koalitionsvertrag strich er eine entsprechende Passage.

          Mittlerweile ist ein Jüngerer im Amt, Ralph Brinkhaus. Er hat erkannt, dass die Ressentiments der Raucher nicht mehr zeitgemäß sind. Eine klare Mehrheit der Unionsabgeordneten stimmte am Dienstag für das Verbot. Ab 2021 soll nur noch Werbung vor Kinofilmen ab 18 Jahren laufen. Ein Jahr später soll es auch keine Zigarettenplakate mehr geben.

          Besonders erfreulich ist, dass die Union sich auch dazu durchgerungen hat, ab 2024 Werbung für E-Zigaretten zu verbieten. Denn die Hersteller erzählen den Politikern seit Monaten, wie gesund die elektronische Alternative für Raucher sei. Allerdings ist sie für viele Jugendliche eben auch eine Einstiegsdroge.

          Mit den gesunden Zigaretten war es schon immer so eine Sache. Früher warben rauchende Ärzte und sogar Schwangere für die Wunderstengel: gut für den Rachen, die Verdauung, die Nerven. Heute soll die E-Zigarette die Lösung aller Probleme sein. Gut, dass die Union nicht mehr für diese Märchen empfänglich ist.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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