https://www.faz.net/-gpf-8h63o

Allensbach-Studie : Die Welt der Wutbürger

  • -Aktualisiert am

Pegida-Demonstration in Dresden: Eine Mehrheit der AfD-Wähler ist dagegen, dass Parteien Kompromisse schließen. Bild: dpa

Populismus hat die Gesellschaft im Griff: Die Hälfte der Deutschen denkt verächtlich über Politiker, das zeigt eine Allensbach-Studie im Auftrag der F.A.Z. – und noch mehr haben das Prinzip der repräsentativen Demokratie nicht verstanden.

          6 Min.

          Nicht erst seit den jüngsten Wahlerfolgen der AfD ist das Schlagwort Populismus in Mode. Ob es um den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump geht, seinen Wettbewerber Bernie Sanders, die polnische, ungarische oder griechische Regierung, die AfD oder die CSU – stets ist der Vorwurf des Populismus nicht weit. Das Wort wird so inflationär gebraucht, dass sich die Direktion des Südwestrundfunks Ende 2015 genötigt sah, seine Redakteure zu bitten, nicht automatisch jeder Nennung des Parteinamens AfD das Adjektiv „rechtspopulistisch“ hinzuzufügen.

          Was bedeutet der Begriff eigentlich, der ja ein weltweites Phänomen beschreibt? Sicher lassen sich leicht Merkmale für populistische Politik finden, allen voran die Taktik von Politikern, nicht die Positionen zu vertreten, die sie selbst für richtig halten, sondern das zu fordern, was ihnen ihrer Ansicht nach den meisten Applaus in der Öffentlichkeit einbringt. Doch es bedarf eines bestimmten gesellschaftlichen Klimas, damit solche Politiker auch den Zuspruch eines wesentlichen Teils der Bevölkerung erhalten. Was kennzeichnet dieses Meinungsklima? Und hat die Neigung der Bevölkerung, populistischen Thesen zu folgen, tatsächlich in den vergangenen Jahren zugenommen? Dies sind die Fragen, denen das Institut für Demoskopie Allensbach in der jüngsten repräsentativen Bevölkerungsumfrage im Auftrag dieser Zeitung nachgegangen ist.

          Öffnen

          Soll Politik exakt das tun, was das Volk will?

          Ein wesentliches Element des populistischen Weltbildes ist sicherlich die Vorstellung, die Politik müsse stets exakt das tun, was das Volk wolle. Diese Vorstellung ist bei den Deutschen weit verbreitet. Das zeigen die Ergebnisse einer in der aktuellen Allensbacher Umfrage enthaltenen Dialogfrage: Die Interviewer überreichten den Befragten ein Bildblatt, auf dem zwei Personen in einer Gesprächssituation abgebildet waren. Die eine Person sagte: „Ich finde, ein Politiker kann auch mal gegen den Willen der Mehrheit des Volkes entscheiden. Schließlich wurde er gewählt, dass er Verantwortung übernimmt und stellvertretend für das Volk entscheidet.“ Das Gegenargument lautete: „Ich erwarte von einem Politiker, dass er sich so entscheidet, wie die Mehrheit des Volkes entscheiden würde. Schließlich wurde er deswegen gewählt.“ Dazu wurde die Frage gestellt: „Welcher von beiden sagt eher das, was auch Sie denken?“ 60 Prozent der Befragten entschieden sich daraufhin für die zweite Position, von den AfD-Anhängern waren es sogar 85 Prozent. Lediglich 29 Prozent vertraten die Ansicht, dass ein Politiker auch mal gegen den vermuteten Mehrheitswillen entscheiden dürfe.

          Es ist offensichtlich, dass nur wenige Deutsche das Prinzip der repräsentativen Demokratie verinnerlicht haben, wonach sich die Bürger bei der Wahl nicht nur für bestimmte politische Positionen entscheiden, sondern ihren gewählten Vertretern im Parlament auf Zeit die Verantwortung für das Land übertragen, und dass diese Verantwortung mit der Verpflichtung verbunden ist, im Zweifelsfall dem eigenen Gewissen zu folgen und nicht einem augenblicklich vermuteten Volkswillen.

          Erwartungen ohne Wenn und Aber

          Nun ist ein solches Missverständnis der Prinzipien der repräsentativen Demokratie allein noch kein Beleg für populistisches Denken. Hinzu kommt meist politischer Rigorismus, die Vorstellung, dass die von einem selbst für richtig gehaltenen politischen Konzepte kompromisslos durchzusetzen seien. Diese Haltung ist weitaus weniger weit verbreitet, wie die Ergebnisse einer weiteren Dialogfrage zeigen: Hier lautete die erste zur Auswahl gestellte Meinung: „Ich erwarte von einer Partei, dass sie sich ohne Wenn und Aber für die Politik einsetzt, für die sie gewählt worden ist, ohne dabei Kompromisse einzugehen.“ Dem wurde die Position entgegengestellt: „Ich erwarte von einer Partei, dass sie ihre Ziele verfolgt, dabei aber auch Kompromisse mit anderen Parteien eingehen kann, sonst könnte sie ja gar nichts bewirken.“ Eine klare Mehrheit von 66 Prozent der Befragten entschied sich für die zweite Position, lediglich 24 Prozent wählten die erste. Anders die AfD-Anhänger: Sie vertraten mit einer knappen relativen Mehrheit von 43 zu 42 Prozent die Ansicht, eine Partei dürfe keine Kompromisse eingehen.

          Schwindendes Vertrauen: Laut einer Studie sind 43 Prozent der Befragten der Meinung, dass Politiker vor allem Interessen der Wirtschaft oder Lobbygruppen verfolgen würden.

          Ein drittes Element des populistischen Weltbildes scheint ein gewisses apokalyptisches Denken zu sein, die Vorstellung, dass das Land dem Untergang geweiht sei, wenn es nicht einen radikalen Wechsel in der Politik gebe. Das teilt nur eine Minderheit der Deutschen. Der Aussage „Wenn die Politik in Deutschland so weitermacht, dann treibt das Land in eine Katastrophe“ stimmen heute 35 Prozent zu, 42 Prozent widersprechen ausdrücklich. Und auch hier fallen die Anhänger der AfD durch ihre abweichende Meinung auf: Sie glauben zu 74 Prozent, dass Deutschland auf eine Katastrophe zusteuere.

          Verächtliche Haltung gegenüber der Politik

          Das vielleicht wichtigste Element populistischen Denkens ist aber vermutlich eine verächtliche Haltung gegenüber der Politik, verbunden mit der Vorstellung, dass diese etwas Einfaches sei und Politiker Menschen, die keine besonderen Fähigkeiten hätten. Diese Vorstellung hat sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten gründlich durchgesetzt. Aufschlussreich sind die Antworten auf die Frage: „Glauben Sie, man muss große Fähigkeiten haben, um Bundestagsabgeordneter zu werden?“ 1972 waren 63 Prozent der Befragten dieser Ansicht, 2014 dagegen, als die Frage zum bisher letzten Mal gestellt wurde, waren es noch 24 Prozent. Da ist es nur folgerichtig, dass in der aktuellen Umfrage 46 Prozent der Befragten (und 71 Prozent der AfD-Anhänger) der Aussage zustimmten: „Die Politiker haben keine Ahnung, das könnte ich besser als die.“

          Darüber hinaus wurde in den letzten Jahrzehnten den Politikern auch zunehmend die Bereitschaft abgesprochen, ihren Wählern zu dienen. Auf die Frage „Glauben Sie, dass die Abgeordneten in Berlin (bzw. Bonn) in erster Linie die Interessen der Bevölkerung vertreten, oder haben sie andere Interessen, die ihnen wichtiger sind?“ antworteten in den sechziger und siebziger Jahren stets klare Mehrheiten, sie glaubten, die Politiker verträten die Interessen der Bevölkerung. Heute sind noch 25 Prozent dieser Ansicht. 43 Prozent sind dagegen der Meinung, dass Politiker vor allem andere Interessen verfolgten, überwiegend eigene, aber auch die ihrer Parteien, der Wirtschaft oder die von Lobbygruppen.

          Politik ist mühsam und langwierig

          Was ist die Ursache dieser Entwicklung? Höchstwahrscheinlich spielen die Massenmedien dabei eine entscheidende Rolle. Da sind zum einen die Gesetzmäßigkeiten des Fernsehens, die, seitdem dieses zum Leitmedium geworden ist, auch die Spielregeln der Politik maßgeblich mitbestimmen. Der amerikanische Politikwissenschaftler Thomas E. Patterson hat bereits Anfang der neunziger Jahre in seinem immer noch sehr lesenswerten Buch „Out of Order“ darauf hingewiesen, dass das Fernsehen als Mittler zwischen Politik und Bevölkerung eigentlich ungeeignet ist. Politik ist ein mühsames und langwieriges Geschäft, das Fernsehen braucht Kürze. Politik ist kompliziert, das Fernsehen muss vereinfachen. Politik muss ständig Kompromisse suchen, das Fernsehen lebt von Konflikten.

          Etwa 74 Prozent der AfD-Anhänger glauben, dass Deutschland auf eine Katastrophe zusteuere.

          Darüber hinaus ist die politische Berichterstattung seit den sechziger Jahren über Jahrzehnte hinweg immer negativer geworden. Nach Analysen des Mainzer Publizistikwissenschaftlers Hans Mathias Kepplinger kamen in den fünfziger und sechziger Jahren in den führenden Tageszeitungen auf eine positiv wertende Aussage über Politiker zwei negative. In den achtziger und neunziger Jahren lag das Verhältnis bei einer positiven zu fünf negativen Wertungen. Ähnliches gilt für die Parteien. Inhaltsanalysen des Instituts Media Tenor zeigen, dass im Jahr 2010 in den führenden Nachrichtensendungen alle Parteien mit Ausnahme der Grünen weitaus überwiegend negativ beurteilt wurden; die FDP sogar in einem Verhältnis von eins zu vier. Man darf nicht erwarten, dass ein solcher Tenor der Berichterstattung bei der Bevölkerung folgenlos bleibt, denn meist können die Menschen die aus den Massenmedien aufgenommenen Botschaften nicht durch eigene Beobachtungen ausgleichen. Das Aufkommen der populistischen Bewegungen wird man nicht verstehen können, untersucht man dabei nicht auch die Rolle der Massenmedien.

          Populistisches Denken weit verbreitet

          Alles in allem zeigen die Umfrageergebnisse, dass die Elemente populistischen Denkens in der Bevölkerung weit verbreitet sind. Doch haben diese Haltungen in jüngster Zeit wirklich zugenommen? Die Daten sprechen eher dagegen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten erfragt das Institut für Demoskopie Allensbach regelmäßig die Einstellung der Bevölkerung zu der Aussage: „Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft unaufhaltsam auf eine ganz große Krise zusteuert. Mit den derzeitigen politischen Möglichkeiten können wir diese Probleme nicht lösen. Das schaffen wir nur, wenn wir unser politisches System grundlegend ändern.“ Diese Frage wurde bereits in den achtziger Jahren zur Ermittlung des Extremismuspotentials in der Bevölkerung entwickelt. Trotz der Verunsicherung vieler Bürger durch die Flüchtlingskrise ist der Anteil derjenigen, die dieser Aussage zustimmen, seit dem Jahr 2013 lediglich von 28 auf 33 Prozent angestiegen. Das ist noch immer ein Wert am unteren Ende der seit langem bekannten Bandbreite: Im Jahr 2003 hatten 45 Prozent der Aussage zugestimmt.

          Auch die aggressive pauschale Ablehnung von Politikern scheint in den vergangenen Jahren eher abgenommen zu haben. Im Jahr 2001 stellte das Allensbacher Institut zum ersten Mal die Frage: „Wenn jemand sagt: ‚Das Einzige, was die Politiker heute noch tun, ist, im Bundestag unnütze Reden schwingen. Aber wenn es darum geht, für die kleinen Leute wirklich was zu tun, dann kneifen sie.‘ Finden Sie, der hat recht oder nicht recht?“

          Damals antworteten 59 Prozent der Befragten, er habe recht, heute sind es mit 44 Prozent deutlich weniger. Es spricht damit einiges dafür, dass die Ursachen der Anfälligkeit eines Teils der Bevölkerung für politischen Populismus lange vor der Gründung der AfD zu suchen sind und dass diese Entwicklung ihren Höhepunkt vielleicht schon überschritten hat. Die AfD ist nicht der Kern des Problems. Sie hat es nur sichtbar gemacht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Da haben sie sich noch persönlich getroffen: Donald Trump und Xi Jinping im Juni 2019.

          Kandidatin für WTO-Spitze : „Wir müssen auf die Amerikaner zugehen“

          Ngozi Okonjo-Iweala hat gute Chancen, als erste Frau und erste Afrikanerin an die Spitze der Welthandelsorganisation zu rücken. Die Nigerianerin präsentiert sich als entschlossene Reformerin. Ein Gespräch über Trump, China und Corona.
          Swetlana Tichanowskaja

          Nach Wahl in Belarus : Tichanowskaja nach Litauen ausgereist

          Die zweite Nacht in Folge protestierten Tausende gegen den verkündeten Wahlsieg von Dauerherrscher Alexandr Lukaschenka. Das Regime reagiert mit Gewalt. Unterdessen hat Swetlana Tichanowskaja das Land verlassen.
          Wie viele Leute sich allein ins Grüne trauen, kann auch ein Gradmesser für die allgemeine Sicherheit einer Gegend sein (Symbolbild).

          Im Bikini in den Park : Dann gucken sie eben!

          Es ist heiß, und in der Wohnung ist es noch heißer. Also raus in den Park. Frauen kostet es häufiger Überwindung, sich allein im Bikini auf die grüne Wiese zu legen. Warum eigentlich? Und lohnt es sich?
          Lisa Eckhart während eines Fernsehauftritts.

          Kabarettistin Lisa Eckhart : Dagegenhalten

          Die Kabarettistin Lisa Eckhart zum Harbour Front Literaturfestival in Hamburg aus Furcht vor Gewaltprotest erst aus- und dann doch wieder einzuladen, war keine gute Idee. Der Vorgang zeigt, was man in solcher Lage nicht tun sollte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.