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Allensbach-Studie : Die Welt der Wutbürger

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Politik ist mühsam und langwierig

Was ist die Ursache dieser Entwicklung? Höchstwahrscheinlich spielen die Massenmedien dabei eine entscheidende Rolle. Da sind zum einen die Gesetzmäßigkeiten des Fernsehens, die, seitdem dieses zum Leitmedium geworden ist, auch die Spielregeln der Politik maßgeblich mitbestimmen. Der amerikanische Politikwissenschaftler Thomas E. Patterson hat bereits Anfang der neunziger Jahre in seinem immer noch sehr lesenswerten Buch „Out of Order“ darauf hingewiesen, dass das Fernsehen als Mittler zwischen Politik und Bevölkerung eigentlich ungeeignet ist. Politik ist ein mühsames und langwieriges Geschäft, das Fernsehen braucht Kürze. Politik ist kompliziert, das Fernsehen muss vereinfachen. Politik muss ständig Kompromisse suchen, das Fernsehen lebt von Konflikten.

Etwa 74 Prozent der AfD-Anhänger glauben, dass Deutschland auf eine Katastrophe zusteuere.
Etwa 74 Prozent der AfD-Anhänger glauben, dass Deutschland auf eine Katastrophe zusteuere. : Bild: F.A.Z.

Darüber hinaus ist die politische Berichterstattung seit den sechziger Jahren über Jahrzehnte hinweg immer negativer geworden. Nach Analysen des Mainzer Publizistikwissenschaftlers Hans Mathias Kepplinger kamen in den fünfziger und sechziger Jahren in den führenden Tageszeitungen auf eine positiv wertende Aussage über Politiker zwei negative. In den achtziger und neunziger Jahren lag das Verhältnis bei einer positiven zu fünf negativen Wertungen. Ähnliches gilt für die Parteien. Inhaltsanalysen des Instituts Media Tenor zeigen, dass im Jahr 2010 in den führenden Nachrichtensendungen alle Parteien mit Ausnahme der Grünen weitaus überwiegend negativ beurteilt wurden; die FDP sogar in einem Verhältnis von eins zu vier. Man darf nicht erwarten, dass ein solcher Tenor der Berichterstattung bei der Bevölkerung folgenlos bleibt, denn meist können die Menschen die aus den Massenmedien aufgenommenen Botschaften nicht durch eigene Beobachtungen ausgleichen. Das Aufkommen der populistischen Bewegungen wird man nicht verstehen können, untersucht man dabei nicht auch die Rolle der Massenmedien.

Populistisches Denken weit verbreitet

Alles in allem zeigen die Umfrageergebnisse, dass die Elemente populistischen Denkens in der Bevölkerung weit verbreitet sind. Doch haben diese Haltungen in jüngster Zeit wirklich zugenommen? Die Daten sprechen eher dagegen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten erfragt das Institut für Demoskopie Allensbach regelmäßig die Einstellung der Bevölkerung zu der Aussage: „Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft unaufhaltsam auf eine ganz große Krise zusteuert. Mit den derzeitigen politischen Möglichkeiten können wir diese Probleme nicht lösen. Das schaffen wir nur, wenn wir unser politisches System grundlegend ändern.“ Diese Frage wurde bereits in den achtziger Jahren zur Ermittlung des Extremismuspotentials in der Bevölkerung entwickelt. Trotz der Verunsicherung vieler Bürger durch die Flüchtlingskrise ist der Anteil derjenigen, die dieser Aussage zustimmen, seit dem Jahr 2013 lediglich von 28 auf 33 Prozent angestiegen. Das ist noch immer ein Wert am unteren Ende der seit langem bekannten Bandbreite: Im Jahr 2003 hatten 45 Prozent der Aussage zugestimmt.

Auch die aggressive pauschale Ablehnung von Politikern scheint in den vergangenen Jahren eher abgenommen zu haben. Im Jahr 2001 stellte das Allensbacher Institut zum ersten Mal die Frage: „Wenn jemand sagt: ‚Das Einzige, was die Politiker heute noch tun, ist, im Bundestag unnütze Reden schwingen. Aber wenn es darum geht, für die kleinen Leute wirklich was zu tun, dann kneifen sie.‘ Finden Sie, der hat recht oder nicht recht?“

Damals antworteten 59 Prozent der Befragten, er habe recht, heute sind es mit 44 Prozent deutlich weniger. Es spricht damit einiges dafür, dass die Ursachen der Anfälligkeit eines Teils der Bevölkerung für politischen Populismus lange vor der Gründung der AfD zu suchen sind und dass diese Entwicklung ihren Höhepunkt vielleicht schon überschritten hat. Die AfD ist nicht der Kern des Problems. Sie hat es nur sichtbar gemacht.

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