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Allensbach-Studie : Die Welt der Wutbürger

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Erwartungen ohne Wenn und Aber

Nun ist ein solches Missverständnis der Prinzipien der repräsentativen Demokratie allein noch kein Beleg für populistisches Denken. Hinzu kommt meist politischer Rigorismus, die Vorstellung, dass die von einem selbst für richtig gehaltenen politischen Konzepte kompromisslos durchzusetzen seien. Diese Haltung ist weitaus weniger weit verbreitet, wie die Ergebnisse einer weiteren Dialogfrage zeigen: Hier lautete die erste zur Auswahl gestellte Meinung: „Ich erwarte von einer Partei, dass sie sich ohne Wenn und Aber für die Politik einsetzt, für die sie gewählt worden ist, ohne dabei Kompromisse einzugehen.“ Dem wurde die Position entgegengestellt: „Ich erwarte von einer Partei, dass sie ihre Ziele verfolgt, dabei aber auch Kompromisse mit anderen Parteien eingehen kann, sonst könnte sie ja gar nichts bewirken.“ Eine klare Mehrheit von 66 Prozent der Befragten entschied sich für die zweite Position, lediglich 24 Prozent wählten die erste. Anders die AfD-Anhänger: Sie vertraten mit einer knappen relativen Mehrheit von 43 zu 42 Prozent die Ansicht, eine Partei dürfe keine Kompromisse eingehen.

Schwindendes Vertrauen: Laut einer Studie sind 43 Prozent der Befragten der Meinung, dass Politiker vor allem Interessen der Wirtschaft oder Lobbygruppen verfolgen würden.
Schwindendes Vertrauen: Laut einer Studie sind 43 Prozent der Befragten der Meinung, dass Politiker vor allem Interessen der Wirtschaft oder Lobbygruppen verfolgen würden. : Bild: F.A.Z.

Ein drittes Element des populistischen Weltbildes scheint ein gewisses apokalyptisches Denken zu sein, die Vorstellung, dass das Land dem Untergang geweiht sei, wenn es nicht einen radikalen Wechsel in der Politik gebe. Das teilt nur eine Minderheit der Deutschen. Der Aussage „Wenn die Politik in Deutschland so weitermacht, dann treibt das Land in eine Katastrophe“ stimmen heute 35 Prozent zu, 42 Prozent widersprechen ausdrücklich. Und auch hier fallen die Anhänger der AfD durch ihre abweichende Meinung auf: Sie glauben zu 74 Prozent, dass Deutschland auf eine Katastrophe zusteuere.

Verächtliche Haltung gegenüber der Politik

Das vielleicht wichtigste Element populistischen Denkens ist aber vermutlich eine verächtliche Haltung gegenüber der Politik, verbunden mit der Vorstellung, dass diese etwas Einfaches sei und Politiker Menschen, die keine besonderen Fähigkeiten hätten. Diese Vorstellung hat sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten gründlich durchgesetzt. Aufschlussreich sind die Antworten auf die Frage: „Glauben Sie, man muss große Fähigkeiten haben, um Bundestagsabgeordneter zu werden?“ 1972 waren 63 Prozent der Befragten dieser Ansicht, 2014 dagegen, als die Frage zum bisher letzten Mal gestellt wurde, waren es noch 24 Prozent. Da ist es nur folgerichtig, dass in der aktuellen Umfrage 46 Prozent der Befragten (und 71 Prozent der AfD-Anhänger) der Aussage zustimmten: „Die Politiker haben keine Ahnung, das könnte ich besser als die.“

Darüber hinaus wurde in den letzten Jahrzehnten den Politikern auch zunehmend die Bereitschaft abgesprochen, ihren Wählern zu dienen. Auf die Frage „Glauben Sie, dass die Abgeordneten in Berlin (bzw. Bonn) in erster Linie die Interessen der Bevölkerung vertreten, oder haben sie andere Interessen, die ihnen wichtiger sind?“ antworteten in den sechziger und siebziger Jahren stets klare Mehrheiten, sie glaubten, die Politiker verträten die Interessen der Bevölkerung. Heute sind noch 25 Prozent dieser Ansicht. 43 Prozent sind dagegen der Meinung, dass Politiker vor allem andere Interessen verfolgten, überwiegend eigene, aber auch die ihrer Parteien, der Wirtschaft oder die von Lobbygruppen.

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