https://www.faz.net/-gpf-9s33k

Protokoll des Attentats : „Jetzt zünden wir sie an“

  • Aktualisiert am

Dieses Amateur-Video zeigt den Attentäter von Halle. Bild: Reuters

Der Schütze von Halle hat seinen Anschlag gefilmt und kommentiert. Das Protokoll des Attentats zeugt von der Kaltblütigkeit des Täters und dient Ermittlern dazu, den Hergang zu rekonstruieren.

          2 Min.

          Mit einer am Helm befestigten Kamera hat der mutmaßliche Attentäter von Halle Stephan B. seinen Anschlag gefilmt und das Material im Internet veröffentlicht. Der 35 Minuten und 53 Sekunden lange Film dient auch den Ermittlern dazu, den Tathergang zu rekonstruieren, wie Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) am Donnerstag bei einer Pressekonferenz sagte. Stahlknecht bestätigte, dass das Video authentisch sei. Die Filmaufnahmen geben folgende Geschehnisse wieder:

          - Der mutmaßliche Täter spricht zu Beginn eine Botschaft direkt in die Kamera: „Hey, my name is Anon. And I think the Holocaust never happened.“ (Mein Name ist Anon. Und ich glaube, der Holocaust ist nie passiert.)

          - Am Ende der knappen Ansprache sagt er, die Wurzel von Problemen wie Feminismus, sinkenden Geburtenraten im Westen und Massen-Immigration sei „der Jude“.

          - Die Kamera befindet sich nun offenbar auf dem Kopf des mutmaßlichen Täters. Lachend greift er zu einer Langwaffe auf der Beifahrerseite seines Mietwagens und sagt: „Gott, wie lange warte ich da drauf.“

          - Nach einer etwa zwei Minuten langen Autofahrt hält er vor einer Synagoge. Die Tür ist verschlossen. „Fuck!“, sagt er: „Ach, scheiß drauf, vielleicht kommen sie ja raus.“

          - Daraufhin stellt er seine Waffe ab und positioniert sich vor der Mauer. Klicken ist zu hören, danach ein dumpfer Knall.

          - An einem ebenfalls abgeschlossenen Tor der Mauer zündet er einen Sprengsatz.

          - Eine Frau spricht B. im Vorbeigehen an: „Muss das sein, wenn ich hier lang gehe? Mann, ey.“ Der Mann schießt ihr mehrmals in den Rücken, sie stürzt.

          - Weitere Versuche, auf das Gelände der Synagoge zu gelangen, scheitern. B. sagt: „Jetzt zünden wir sie an.“

          - Neben der vermutlich schon toten Frau steht ein Zeuge. Der Filmende richtet die Waffe auf ihn und drückt ab, diese funktioniert jedoch nicht, und der Zeuge kann im Auto entkommen.

          - Vor der Synagoge schießt der Attentäter dreimal auf die Tür in der Mauer, zündet danach allem Anschein nach Brandsätze und wirft sie hinüber.

          Die Karte zeigt die Stationen des Attentäters von Halle.

          - Nach etwa sieben Minuten an der Synagoge (gut dreizehn Minuten nach Beginn der Aufnahme) fährt der Mann im Auto weiter. Er sagt in schlechtem Englisch, er wolle einige „nuts“ – was mit „Verrückte“ übersetzt werden kann – töten: „And then I die. Like the loser I am.“ (Und dann sterbe ich. Wie der Loser, der ich bin.)

          - Nach kurzer Fahrt entdeckt der Schütze mit der Kamera einen Imbiss: „Döner. Nehmen wir.“

          - Dort zündet er zunächst einen Sprengsatz und schießt in Richtung eines Mannes im Eingang, der sich hinter Kühlschränken verschanzt. Andere Menschen verstecken sich im hinteren Teil des Imbisses.

          - Zu hören ist eine Stimme: „Bitte, bitte nicht. Ich habe Kinder.“ Der Täter schießt auf den Mann hinter den Kühlschränken, danach verstummt das Flehen und Schluchzen.

          - Nach rund eineinhalb Minuten verlässt der Schütze den Imbiss. Er schießt auf der Straße auf mehrere Menschen, die jedoch entkommen können.

          - Etwa bei Minute 21 kehrt er zurück in den Imbiss. Dort kauert noch immer der Mann hinter den Kühlschränken. Er wird mit mehreren Schüssen hingerichtet.

          - Nach insgesamt rund sieben Minuten am Imbiss steigt der Täter wieder ins Auto: „Ich habe auf jeden Fall bewiesen, wie wertlos improvisierte Waffen sind“, sagt er.

          - Ein Polizeiwagen versperrt ihm den Weg, der Fahrer steigt aus, es kommt zum Schusswechsel. Danach fährt B. weiter.

          - Er sagt während der Fahrt: „Sorry, guys.“ Und: „Alle Waffen haben versagt, Mann!“

          - Kurz darauf erklärt der Täter: „Versager! Ich muss aber sagen, ich blute, ich bin angeschossen, irgendwo am Hals. Und ich weiß nicht, ob ich sterbe. Aber ich denke eher nicht. Es tut gar nicht so sehr weh. Aber das ist wahrscheinlich das Adrenalin.“

          - „So guys, das war’s“, sagt er nach etwa 28 Minuten. „I’m a complete loser.“ (Ich bin ein kompletter Verlierer.)

          - Während der letzten gut sieben Minuten der Aufnahme ist die Linse zum größten Teil verdeckt. Der Mann hat die Kamera dem Anschein nach außerhalb des Autos abgelegt.

          Weitere Themen

          In der Zwickmühle

          5G-Aufbau : In der Zwickmühle

          Beim Aufbau des 5G-Netzes ist Deutschland auf fremde Hardware angewiesen, doch Huawei will man nicht vertrauen. Muss Deutschland seine „Sicherheitsphilosophie“ überdenken?

          Topmeldungen

          Altersvorsorge : Rentenpolitik ohne Kompass

          Die Koalition lobt die Grundrente als einen „sozialpolitischen Meilenstein“. Die Wahrheit ist: Die Grundrente wird weder das Vertrauen in den Generationenvertrag stärken, noch taugt sie als Konzept gegen Altersarmut.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.