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Das Internet der Zukunft : Wir müssen für die Freiheit kämpfen

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Die neuen Instrumente des Internets können das Leben effizienter, bunter und selbstbestimmter machen - aber sie können auch ein Instrument der Überwachung sein. Bild: REUTERS

Das Internet ist das imposanteste Netzwerk der Menschheit. Nun bedrohen Großmächte und Regulierungswahn seine Freiheit. Dagegen müssen wir uns wehren.

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          Über dreißig Jahre lang haben wir zugesehen, wie aus einem Zusammenschluss von ein paar rudimentären Rechnern das weltweit größte und machtvollste Netzwerk zum Austausch von Wissen und Informationen entstand, das die Menschheit je geschaffen hat. Es geschah fast von selbst: ohne dass die Regierungen dieser Welt maßgeblich eingegriffen, ohne dass Parlamente abgestimmt, ohne dass Millionen gewählt hätten.

          Es geschah ohne große neue Gesetzesvorhaben oder gar Verfassungsänderungen. Es geschah, weil wir es geschehen ließen, weil Ministerien zwar anschoben und förderten, aber sich ansonsten zurücknahmen und es gedeihen ließen. Es geschah, weil Enthusiasten in Unternehmen, Universitäten, internationalen Organisationen und Behörden es pflegten, weil Abertausende Ideen kluger und phantasievoller Köpfe es zum Blühen brachten. Es wurde immer größer, machtvoller und einflussreicher – und zuletzt auch bedrohlicher.

          Doch jetzt können wir es nicht mehr einfach so sich selbst überlassen. Zu viele Mächte wollen das Netz erobern und sich diesen Raum der Freiheit aneignen, zu viele wollen es nicht mehr nur als eine Plattform für alle, sondern als Werkzeug zur Durchsetzung eigener Interessen. Zu viele wollen sich seiner bemächtigen, und sie können es auch.

          Konzerne steuern, was wir finden, kaufen, wollen

          Von Anfang an hatte das Netz etwas Revolutionäres, Antietatistisches, war ein Instrument des Aufstandes. Das Internet wurde von einem digitalen Knallfrosch, der die Etablierten ein wenig erschreckte, aber zu einem Molotow-Cocktail in der Hand bunter Rebellen und schließlich zu einer Technologie, die, von den falschen Händen genutzt, die Schäden von Nuklearwaffen übertreffen könnte. Regierungen beginnen, seiner habhaft zu werden, wollen es kontrollieren – wie die Chinesen, die Iraner, die Russen. Sie wollen die Welt durch das Netz nicht demokratischer, transparenter, partizipativer werden lassen. Sie wollen es im Gegenteil als das machtvollste Kontrollinstrument, das Menschen je in die Hand von Autokraten, Regimen, Regierungen gelegt haben.

          Und auch Konzerne bemächtigen sich des Netzes. In den Vereinigten Staaten entsteht ein monströses Konglomerat aus den Kabel-TV-Giganten Comcast und Time Warner Cable. Der neue Zusammenschluss kontrolliert den Zugang zum Internet für den Großteil der Amerikaner. Konzerne können plötzlich bestimmen, wer was zu welchen Konditionen im Netz veranstalten darf, können über den Erfolg von Geschäftsideen richten und darüber, wie weit die Freiheit im Digitalen gehen darf. Konzerne steuern, was wir finden, kaufen, wollen.

          Das Internet als freiheitliche Idee ist bedroht wie nie zuvor. Daher ist die Stunde der Wahrheit gekommen: Wir müssen uns entscheiden, welches Internet wir wollen: Ein freies Netz, eine Technologie der größtmöglichen Chancen und Möglichkeiten, der unternehmerischen und geistigen Freiheit? Oder wollen wir es dem Recht des Stärkeren unterwerfen, dem Spiel der Mächte? Wollen wir ein freies Netz erhalten, müssen wir dafür kämpfen. Bedroht ist es von mindestens zwei Seiten. Zum einen durch die Großmächte, private wie staatliche. Übermächtige Großkonzerne wie Comcast etwa, die den Zugang zum Netz regulieren könnten; Regierungen und Geheimdienste, die ihre Kontrolle ausweiten wollen. Daher müssen wir Technologien entwickeln und unterstützen, die vertrauliche und getarnte Kommunikation ermöglichen. Ihre Nutzung muss so einfach werden wie die einer normalen E-Mail. Viel besser als bisher müssen wir die Kommunikation der Bürger vor dem Staat schützen. Dass Google Daten und Suchen zunehmend verschlüsselt, ist ein erster wichtiger Schritt.

          Zum anderen müssen wir uns vor zu starker Regulierung hüten. Mit immer mehr Vorschriften und Beschränkungen würden wir das strangulieren, was das Netz ausmacht: die Dynamik, die Innovation, das Grenzüberschreitende. Es darf kein Instrument der bestehenden Ordnung werden, sondern muss ein Instrument der Erschütterung bleiben. Wir müssen akzeptieren, dass die Revolution unbequem bleibt, und wir müssen mit dieser Ambivalenz leben: Das Internet ist ein Instrument des schöpferischen kapitalistischen Umsturzes, das Bestehendes zerstört und Ungewisses schafft. Es ist Ausdruck umstürzlerischer Kräfte des freien Marktes – die (hoffentlich) dazu beitragen, dass die Zukunft mehr Menschen ein besseres Leben ermöglicht. Dieses Grundvertrauen müssen wir haben.

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