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Das Internet der Zukunft : Wir müssen für die Freiheit kämpfen

  • -Aktualisiert am

Die Transparenz im Netz ist gnadenlos

Es gibt das Internet nicht ohne Amazon, Google, Facebook und all die Konzerne, die noch kommen werden; deren Geschäftsmodelle auf immer feingliedrigerer Analyse und Vorhersage unserer Wünsche, Träume, Sehnsüchte bestehen; die unsere Daten nutzen, um uns Dienste zu offerieren, die mit unseren Spuren auch Geschäfte machen, die damit bestehende Geschäftsmodelle zerstören und gesellschaftliches Verhalten verändern. Auch sie gehören zum Internet, nur dürfen diese Konzerne nicht allmächtig werden.

Mit dem Internet werden andere Menschen und neue Konzerne Gewinne einstreichen, alte Konzerne in Bedrängnis geraten und bestehende Strukturen aufgebrochen – möglicherweise auch unsere politische Ordnung. Populisten werden sich des Netzes noch mehr bemächtigen, wie es in den Vereinigten Staaten die Anhänger der Tea Party schon getan haben.

Wir werden erleben, wie der Buchhandel und die Buchverlage weiter unter Druck kommen, werden den Einzelhandel noch schneller sterben sehen, auch erste Einkaufszentren. Innenstädte werden ihr Gesicht verändern. Wir werden erleben, wie die etablierten Medien weiter an Bedeutung verlieren. Es werden neue entstehen, manche sinnvoll, manche weniger. Wir werden erleben, dass die Kriminalität im Netz weiter zunimmt, da die laxen Sicherheitsparameter vieler Unternehmen es den Übeltätern so leicht machen. Als lebten wir in einer romantischen Welt, in der man sich nicht hintergeht, betrügt, beklaut. Wir werden erleben, wie das große Freiheitserlebnis der Deutschen, das Autofahren, zu einer mehr und mehr datengesteuerten – also fremdgesteuerten – Aktivität wird. Das ist gut so, weil es das Fahren, das weltweit jährlich noch immer über eine Million Tote und damit mehr Opfer als alle Kriege zusammen fordert, sicherer macht. Wir werden zu digitalen Fahrerpersönlichkeiten, was Auswirkungen auf unsere Versicherungsprämien hat.

Wir werden sehen, wie sich um unsere Gesundheitsdaten herum Industrien entwickeln, die uns Produkte und Dienstleistungen offerieren, mit denen wir die Wirkung von Medikamenten und Therapien besser kontrollieren können. Wir werden mehr und mehr zu gläsernen Patienten. Wir werden erleben, wie die Macht der Konsumenten weiter zunimmt und den Konzernen die kleinen Marketingtricks nicht mehr gelingen, mit denen sie die Fehler ihrer Produkte und Dienstleitungen kaschiert haben. Denn die Transparenz im Netz ist gnadenlos. Auch werden wir erleben, wie viele der liebevoll gesetzten Zäune der Offline-Welt umgerissen werden: die Preisbindungen, der Apothekenschutz, die nationalen und regionalen Gärten. Denn das Internet erkennt diese Oasen des Wettbewerbsschutzes nicht an.

Langweilig, brav, reguliert

Wir müssen uns entscheiden, ob wir all das in Kauf nehmen wollen, ob wir dem Neuen weiter eine Chance geben wollen: neuen Diensten, neuen Unternehmen, neuen Instrumenten, die das Leben effizienter, bunter, wissender und selbstbestimmter werden lassen. Oder ob wir sagen: Es ist genug, wir müssen bremsen. Wir könnten die Gesetze verschärfen, uns abschirmen und die globale Konkurrenz abmildern. Wir könnten viel mehr regulieren und das Netz kontrollieren. Wir könnten Sondersteuern für Online-Konzerne einführen und amerikanischen Diensten das Leben schwermachen. Das könnten wir. Das Internet wäre dann nicht mehr das Internet, sondern wie eine staatlich überwachte multimediale Telefonanlage. Langweilig, brav, reguliert.

Dies ist kein Plädoyer für ein zügelloses Internet. Natürlich müssen wir den Netzbürger vor den Schattenseiten der Entwicklung besser schützen und verhindern, dass er zu einer rechnerischen Größe degradiert wird. Natürlich müssen wir seinem Recht und seiner Würde auch im Netz Geltung verschaffen. Aber wir müssen aufpassen, dass wir im Datenschutz nicht zu weit gehen, Innovationen abwürgen und den globalen Austausch hemmen. Das Internet braucht Freiheit, Toleranz und den Mut, sich unbequemen Veränderungen zu stellen – und sie auszuhalten.

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