https://www.faz.net/-gpf-86q2h

Ein Dorf empfängt Flüchtlinge : „Bei mir käm’ die alle ins Arbeitslager“

Die Luft über dem Kopfsteinpflaster flirrt in der Hitze, dann erscheint am Horizont, wo die Reichenbacher Straße eine Biegung macht, ein Reisebus. Langsam kommt er näher und hält. Sie sind da. Menschen in T-Shirts, Jeans und Turnschuhen steigen aus. Kinder, Frauen, Männer. Die Anwohner beobachten, wie sie ihre Habseligkeiten aus dem Bus holen, Rucksäcke und prall gefüllte Mülltüten. Es ist jetzt ganz still in der Reichenbacher Straße. Niemand ruft eine Parole. Die Häslicher stehen einfach nur da, auf der Straße, in den Einfahrten, am Zaun.

Freital : Flüchtlinge fürchten Gewalt in Sachsen

Das andere Häslich

Doch die Geschichte ist an diesem Nachmittag nicht zu Ende. So einfach ist auch das nicht. Plötzlich hört man in Häslich von Zweifeln. Ob es richtig sei, am nächsten Tag vor dem Heim zu demonstrieren, fragt einer. Schließlich seien Kriegsflüchtlinge gekommen und keine „Asylbetrüger“. Noch dazu viele Kinder. Wie sehe das denn aus, wenn man da demonstriere? Was würden die Leute denken?

Am nächsten Tag führen Ehrenamtliche die Asylbewerber zu einem Supermarkt. Als die Karawane auf der Landstraße marschiert, steigt ein Rentner vom Rad und begrüßt jeden Flüchtling mit Handschlag. Auch das gibt es in Häslich. Genauso wie Nachbarn, die Fahrräder spenden oder Kleidung. Als die Flüchtlinge im Supermarkt ankommen, sagt die Bäckereiverkäuferin, dass sie zu wohlgenährt seien für echte Flüchtlinge. Die sollten doch lieber in ihren Ländern bleiben. „Und dann noch ein viertel Eierschecke, noa?“

Am Nachmittag sitzt Tietze in seinem Garten, es gibt Kaffee und Kuchen. Er erzählt, wie er damals auf die Straße gegangen ist, 1989. Wie er Wahlkampf gemacht hat für die CDU. Und wie enttäuscht er nun sei, dass dies nicht die Demokratie sei, für die er damals demonstriert habe. Auch Tietze spricht von Zweifeln an der Demonstration. Er denkt an die Kinder und dass so viele Flüchtlinge aus Kriegsgebieten stammten. Da sei er jetzt nicht mehr „so hundertprozentig überzeugt“.

Keine Stunde später versammeln sich drei Dutzend Häslicher vor dem Heim. Tietze und all die anderen, die von Zweifeln gesprochen hatten, sind dabei. Zwischen ihnen wehen Fahnen mit Kriegslyrik. „Klagt nicht, kämpft“ steht darauf – das Motto der Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg. Und ein Kriegsgedicht von 1813: „Vater, ich rufe dich! / Brüllend umwölkt mich / der Dampf der Geschütze / sprühend umzucken mich / rasselnde Blitze / Lenker der Schlachten / ich rufe dich!“ Das Landesamt für Verfassungsschutz sagt, es könne „keine seriöse Aussage zur Sicherheit der Asylbewerber im Haselbachtal getroffen werden“. Und: „Zu erwarten ist, dass Rechtsextremisten versuchen, die derzeit vor Ort wahrzunehmenden Dynamiken in ihrem Sinne zu nutzen und den Protest in Stimmung und inhaltlicher Forderung eskalieren zu lassen.“

Hinter einem Fenster im Erdgeschoss der alten Schule sieht man ein kleines dunkelhaariges Mädchen spielen. Sie ist mit ihren Eltern vor dem „Islamischen Staat“ aus dem Irak geflohen. Nun ist sie in diesem Dorf angekommen, hat ein Bett in der alten Schule, spielt mit ihrer Puppe und schaut aus dem Fenster. Sie weiß nicht, was die Häslicher auf der anderen Straßenseite wollen. Wenn man winkt, dann lächelt sie.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der amerikanische Präsident Joe Biden (Archivbild)

Corona-Vakzine : Bidens Kehrtwende bei den Impf-Patenten

Amerikas Präsident Joe Biden ist nun doch dafür, den Patentschutz bei Corona-Impfstoffen zu lockern. Ärmere Länder, in denen das Geld knapp ist, könnten so billigere Alternativen produzieren.
Die frisch renovierte Carlebach-Synagoge im Lübecker Stadtteil St. Annen.

Antisemitismus : Die beschwiegene Quelle des Judenhasses

Die Polizeistatistik zum Antisemitismus ist verzerrt und steht in auffallendem Kontrast zu wissenschaftlichen Studien. Doch Innenminister Seehofer gibt das schiefe Bild einfach weiter.

Schottlands Schicksalswahl : Niemand möchte eine Grenze

Die Wahl in Schottland könnte das Vereinigte Königreich zerreißen und über das Schicksal von Boris Johnson entscheiden. Ausgerechnet die Brexiteers lobpreisen die Vorzüge einer Union – und Brexit-Gegner einen Austritt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.