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Ein Dorf empfängt Flüchtlinge : „Bei mir käm’ die alle ins Arbeitslager“

Ankunft: In einem Reisebus kommen Kinder, Frauen und Männer vor dem Asylbewerberheim an.
Ankunft: In einem Reisebus kommen Kinder, Frauen und Männer vor dem Asylbewerberheim an. : Bild: Helmut Fricke

Früher stand ein gusseiserner Zaun um die Dorfschule, schön, mit Granitsäulen. Als die Schule zum Flüchtlingsheim umgebaut wurde, kamen Männer und frästen ihn weg. Jetzt steht da ein 1,80 Meter hoher Stabgitterzaun. Ein klarer Verstoß gegen das sächsische Nachbarschaftsrecht, sagt Kötzing, weil der Zaun nicht ortsüblich sei, also illegal, wie überhaupt das ganze Haus. Tatsächlich hatte das Landeskriminalamt den Zaun empfohlen, genauso wie eine Kameraüberwachung und Plastikfolien an den Fenstern, damit keine Scherben entstehen, sollten Steine fliegen. „Materieller Selbstschutz“ heißt das im Beamtendeutsch des Schreibens, das der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Anders war es mit dem Schimmelverdacht. Der wurde von Fachleuten ausgeräumt – aber erst nachdem Tietze, Kötzing und die anderen Druck gemacht hatten. Die Mauern waren durch den langen Leerstand tatsächlich nass gewesen. Es hätte also auch von Männern die Rede sein können, die nicht etwa Flüchtlinge ablehnen, sondern einen unwürdigen Umgang mit ihnen. Tietzes Nachbar Schumann denkt so. „Wir als Dorfbevölkerung werden hingestellt, als wären wir total naive Kandidaten. Als hätten wir noch nie ’nen Schwarzen gesehen. Als müssten wir rangeführt werden an die Materie: Was sind Ausländer? Da muss ich sagen, das ist schon grenzwertig unverschämt.“ Vielleicht hat er recht, könnte man meinen – aber es ist noch früh am Abend.

Tietze zum Beispiel hat Angst, dass seine kleine Tochter von Asylbewerbern angegriffen wird. Und das ist nicht irgendein Spruch für ihn. Tietze hat wirklich Angst. In Chemnitz soll ein Nordafrikaner ein Mädchen auf einem Spielplatz missbraucht haben, das hat seine Mutter in der Zeitung gelesen. Überhaupt werden im Dorf immer Zeitungsschnipsel herumgereicht. Bei allem, was das Weltbild bestätigt, gilt die Lokalzeitung als zuverlässig – bei allem anderen als Schmierenblatt. Von der Schlägerei zwischen Asylbewerbern im Zeltlager in Dresden haben die Häslicher auch gehört. „Diese Menschen haben einfach eine niedrigere Hemmschwelle“, sagt Tietze. „Das ist das Temperament“, erklärt Hoffmann, „die haben 500 Watt, wo wir vielleicht 150 haben.“ Wenn „die Schwarzafrikaner kommen“, sagt Kötzing, „dann nur, um die Doktrin anderer, ich sage Globalisierer, umzusetzen, das deutsche Volk umzuvolken. Darum geht’s.“ – „Entnationalisierung!“, ruft Hoffmann dazwischen – „Ich sage jetzt bewusst: Die deutsche Rasse soll durch solche Dinge aufgemischt werden“, sagt Kötzing.

Lange Flucht: Die neuen Nachbarn kommen aus dem Irak, aus Syrien oder Eritrea.
Lange Flucht: Die neuen Nachbarn kommen aus dem Irak, aus Syrien oder Eritrea. : Bild: Helmut Fricke

Auch Hoffmann weiß so einiges. Er ist der Charaktertyp unter den Nachbarn, 73 Jahre alt, ein früherer Radsportler. Er fährt die 150 Kilometer immer noch mit einem Schnitt von 32 Kilometern in der Stunde. Ganz früher war Hoffmann mal Heimatvertriebener, Sudetendeutscher, also auch Flüchtling. Schwer hätten seine Eltern damals arbeiten müssen. Nichts habe man ihnen geschenkt. Auch Hoffmann hat sein ganzes Leben hart gearbeitet. Seine Hände sind von Schwielen gezeichnet, die Finger leicht verbogen. Hoffmann weiß auch, wie Flüchtlinge heute ticken. Er hat eine Geschichte von einer Verkäuferin in einem Laden gehört, in dem Asylbewerber einkaufen. „Die schlafen erst mal bis mittags, weil’s die Nacht durchging, kommen dann im Schwarm an und räumen die Regale aus und spucken“, sagt Hoffmann. Tietze weiß noch, wie es früher war. „Hätten wir Äbbel geklaut, wäre der Bauer gekommen und hätte uns mit der Peitsche geschlagen. Und heute gehen die Asylbewerber in den Laden und klauen.“ Auch die Schlägerei in Dresden sei ein gutes Beispiel. „Da würde ich die Papiere aufnehmen und sagen: So. Sie missbrauchen unsere Gastfreundschaft. Dort steht das Flugzeug. Und dann fort“, sagt Tietze. „Nee, Gleis 17, Waggon 1, rein und ab“, sagt Kötzing.

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