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Ein Dorf empfängt Flüchtlinge : „Bei mir käm’ die alle ins Arbeitslager“

Nach der Wende machte bald auch die Krippe zu, und viele Jahre lang stand das Haus leer. Die Häslicher hatten sich längst andere Arbeit gesucht, in den nahen Dörfern oder in der großen Stadt Dresden. Das Dorf wurde älter und kleiner, es zählt heute noch rund 500 Einwohner und gehört zu der Gemeinde Haselbachtal. Viel zu sehen gibt es in Häslich nicht, einige Bauernhöfe, eine Metzgerei und einen Bäcker, der gerade Betriebsferien macht. Einen Ausländer gab es noch nie im Ort, erzählt ein Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung. Auch keine Dönerbude. Nur in der DDR, da kamen Vietnamesen. Einer arbeitet noch immer als Handwerker in der Gegend, im Dorf nennt man ihn den „Fidschi“.

Die Sache mit den Asylbewerbern ging erst im Januar dieses Jahres los. Ein Nachbar war der Erste, der wusste, dass sie kommen. Nennen wir ihn Achim Tietze, weil er seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Tietze schaute also von seinem Fenster hinüber auf die alte Dorfschule, als er in dem verlassenen Haus etwas sah: Licht. Und einen Arbeiter. Tietze fragte ihn, was er da mache. Danach sprach er gleich mit seinen Nachbarn, und über die Gartenzäune verbreitete sich die Nachricht im ganzen Dorf: In die alte Schule sollen Asylbewerber einziehen. Das war schon das Erste, was die Häslicher erregte. Sie erfuhren alles erst auf Nachfrage. Sofort war die Stimmung aufgeheizt.

„Wir werden als total naive Kandidaten hingestellt“: Häslicher demonstrieren vor der alten Dorfschule.
„Wir werden als total naive Kandidaten hingestellt“: Häslicher demonstrieren vor der alten Dorfschule. : Bild: Helmut Fricke

Häslich ist Tietzes Welt. Er liebt sein Dorf und auch das Leben hier. Zusammensitzen im Garten, ein Bier hier, ein Bier da. Gemeinsam feiern, reden, helfen. Er ist im Ort aufgewachsen und auch in die Dorfschule gegangen, wie vor ihm seine Mutter und seine Großmutter. Neben Tietze wohnt die Mutter, ein paar Häuser weiter die Schwester. Tietze ist ein freundlicher Mann. Fast 50 Jahre alt, graue Spitzen im vollen Haar, Schnurrbart, und wenn er spricht, schlägt sein Doppelkinn sachte Wellen. Neulich, an einem Montagabend, sitzt Tietze zum Abendessen mit seinen Nachbarn auf der Terrasse. Es gibt Bratwürste mit Käsefüllung aus Österreich, Gurkensalat und Bier. Hansi Hoffmann und Peter Schumann, Tietzes Nachbarn, sind auch da – und Jürgen Kötzing, der NPD-Kreisvorsitzende und Kreisrat in Bautzen. Er unterstützt den Widerstand der Häslicher mit Flugblättern, Lautsprechern und Ratschlägen. Hoffmann und Kötzing kennen sich von Kundgebungen, Hoffmann hatte ihn um Hilfe gebeten, weil die anderen Politiker in dem Flüchtlingsheim kein Problem sehen wollten. Es sind keine 48 Stunden mehr bis zur Ankunft der Asylbewerber.

Kötzing ist in großer Sorge. Darüber zum Beispiel, dass im Garten des Asylbewerberheims kein Spielplatz für die Flüchtlingskinder steht. Auch der Brandschutz ist ein großes Thema, weil der zweite Fluchtweg im Brandfall aus einem Fenster des Hochparterres führt. Die Flüchtlinge könnten sich beim Sprung den Knöchel verknacksen. Und erst der Schimmel! Sie seien sicher, beziehungsweise es gebe Hinweise oder zumindest doch den Verdacht, dass es schimmele im Haus, sagen sie. Und dann ist da noch die Sache mit dem Zaun. Deshalb ist bei Tietze auf der Terrasse auch niemand fremdenfeindlich, weil es nicht um Ausländer geht. Es geht um das Haus, die Sicherheit – und den Zaun.

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