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Das Merkel-Lexikon : Von Abschottung bis Zwei-Wort-Politik

  • -Aktualisiert am

Ein Lexikon über die Kanzlerin: Alles über Angela Merkel Bild: dpa

In Form eines Lexikons versucht ein Journalist, Angela Merkel und ihre Karriere zu verstehen. Darin gibt er Antworten auf fast alles.

          3 Min.

          Wer hätte das gewusst? Politischer Aschermittwoch im Jahr 2012. Auftritt Angela Merkels in Demmin in Mecklenburg-Vorpommern. Die CDU-Vorsitzende im Kreis von Parteifreunden. Ein Kellner verliert die Gewalt über das Tablett mit den Biergläsern. „Fünf Biere ergossen sich auf den Rücken der Kanzlerin. Aber ihr Zusammenzucken war noch kürzer als bei der Grabschattacke (s. Grabschen) des damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Nach zwei Schrecksekunden sprach Merkel ungerührt mit ihren Sitznachbarn weiter, als ob nichts gewesen wäre.“

          Siehe dort? Damals, im Juli 2006, G-8-Gipfel in St. Petersburg. „Er näherte sich der bereits am Tisch sitzenden Kanzlerin von hinten und griff ihr mit beiden Händen im Vorbeigehen kräftig in die Schultern. Die damals noch unerfahrene Kanzlerin schreckte zusammen. Bush aber hatte seinen Blick längst abgewandt und war weitergegangen.“ Die „Bild“-Zeitung erfand die Schlagzeile „Bush-Liebes-Attacke auf Merkel“. Will man mehr wissen? „Siehe Affären“, wo wiederum ein ziemlich lockerer Spruch des nun ehemaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy an Merkels Ehemann Joachim Sauer zu finden ist. Ergänzung unter „Filme“. Merkel habe sich einmal von ihrem Mann DVDs mit Filmen des französischen Komikers Louis de Funès gewünscht - „als Vorbereitung auf den hyperaktiven Nicolas Sarkozy“.

          Von Abschottung bis Zwei-Wort-Politik

          Solches und noch viel mehr gesammelt zu haben ist das Verdienst des Journalisten Andreas Rinke, der seit 16 Jahren in Berlin arbeitet und Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters ist. Es ist ein neuer Zugang zum Objekt seiner Neugier, Pflicht und Tätigkeit, den er gefunden hat: „Das Merkel-Lexikon.“ Und: „Die Kanzlerin von A-Z.“ Also von A wie „Abschottung“, wo das Merkel-Wort „Abschottung ist im 21. Jahrhundert keine vernünftige Option“ zitiert ist, bis Z wie „Zwei-Wort-Politik“, wo es um den rhetorischen Brauch Merkels geht, gegensätzliche oder auch sich ergänzende Wortpaare wie „Fördern und Fordern“ zu bilden, um - im Sinne politischer Flexibilität - mal härter, mal nachsichtiger zu agieren. In der Euro-Debatte gegenüber Griechenland etwa und in der Integrationsdebatte gegenüber Ausländern.

          Ein Augenzwinkern ist immer dabei - beginnend schon mit dem selbstironisch zu verstehenden Anspruch, ein „Lexikon“ geschaffen zu haben. Es ist eine Mischung von ganz und gar unterschiedlichen Stichworten, zu denen der Kanzlerbeobachter („Kanzlerwatcher“) Rinke Zitate und Begebenheiten wiedergegeben hat. Eigene Erfahrungen und sogar Selbsterlebtes sind dabei. Rinke versieht seine Arbeit, wie es die Kollegen der White-House-Press zu tun pflegen.

          Wo Merkel ist, hat auch er zu sein, ist sein Anspruch. Bei EU-Konferenzen in Brüssel, bei Auslandsreisen, bei Pressekonferenzen im Kanzleramt, bei CDU-Bundesparteitagen. Aber auch wenn Merkel - wie letzthin geschehen - der CDU im niedersächsischen Celle bei der Kommunalwahl helfen will. Zudem hat Rinke eine schier unglaubliche Fülle von Merkel-Biographien, Merkel-Artikeln und Merkel-Interviews ausgewertet, und zwar nicht bloß die in den (im engeren Sinne) politischen Medien, sondern auch die der bunten und der Regionalpresse, weshalb - aus Thüringen - Dorfbewohner mit Bemerkungen über Merkels frühere Badegewohnheiten zu Wort kommen. Zu finden unter dem Stichwort „Datsche“. 1202 Quellenangaben hat Rinke aufgeführt.

          Beschreiber, nicht Beurteiler

          Im Kern ist es ein „Merkel-Lexikon“ aus Merkels Sicht. Rinke enthält sich weitgehend einer politischen Bewertung. Er ist ein Beschreiber. Kein Verurteiler, was nicht heißt, dass er als Jubilar angetreten ist. Die immer aufs Neue zu registrierende Fähigkeit Merkels, sich den Verhältnissen anzupassen, hat er vermerkt. Mal in dem Abschnitt „DDR“, wo ihr Zitat „Ich war keine Heldin. Ich habe mich angepasst“ zu finden ist. Mal unter „Bier“, wo Merkel als zu den „Weintrinkerinnen“ gehörend bezeichnet wird. „Als erfahrene Politikerin weiß sie sich aber anzupassen. Bei Auftritten im Norden etwa ist sie auf Fotos eher mit einem Bierglas in der Hand zu sehen.“

          Dass sich manches an Merkels Entscheidungen dem Zugang des Betrachters verschließt, akzeptiert der Autor. Die Frage, ob Merkel wieder als Kanzlerkandidatin antreten wird, sucht er erst gar nicht zu beantworten. Wie denn auch?

          Der Manuskript-Schluss des Buches wird mit Juli 2016 angegeben, weshalb lediglich Merkels Mitteilung registriert wird, sie werde das zum „gegebenen“ Zeitpunkt mitteilen. Doch ein passendes Zitat Merkels hat Rinke wieder hervorgeholt und unter N wie „Nachfolger“ untergebracht. „Es wird sich immer jemand finden, der Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin von Deutschland wird.“ Auf einer Veranstaltung der Frauenzeitschrift „Brigitte“ hatte sie das gesagt. Im Mai 2013.

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