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Keine Krawalle wie in Chemnitz : Die Köthener Methode

Präsenz zeigen: Polizisten stehen in Köthen vor der Kirche St. Jakob, in der die Friedensgebete stattfinden. Bild: dpa

In Köthen stirbt ein Mann nach einem Streit mit zwei Asylbewerbern. Die Stadt gerät in Aufregung – doch eine Eskalation wie in Chemnitz bleibt aus. Was macht die Politik, um die Hoheit zu behalten?

          Chemnitz und Köthen sind in die Schlagzeilen gekommen, weil in beiden Städten etwas Ähnliches passiert ist: ein Streit, ein Toter, zwei Asylbewerber verhaftet. Dann Demonstrationen. Aber anders als in Chemnitz gab es in Köthen keine Jagden auf Ausländer oder Jusos, keinen Überfall auf ein jüdisches Restaurant, keine Flaschenwürfe, und es wurden auch keine Polizisten angegriffen. Was hat Köthen anders gemacht als Chemnitz – und warum?

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am frühen Sonntagmorgen ging die Meldung im Lagezentrum der Polizei von Sachsen-Anhalt ein, was in Köthen in der Nacht passiert war. Der Diensthabende erkannte die Brisanz der Sache und rief um sechs Uhr Innenminister Holger Stahlknecht an. Der trommelte daraufhin seine Leute zusammen, Staatssekretär, Abteilungsleiter, Referenten. Auch Justizministerin Anne-Marie Keding bat er zu kommen. Um neun Uhr morgens sollten alle im Büro des Ministers in Magdeburg sein.

          Der Innenminister selbst hatte die längste Anreise. Eigentlich hatte er an diesem Sonntag nämlich mit einer Weinkönigin unterwegs sein wollen im Weinanbaugebiet an Saale und Unstrut. Jetzt aber kehrte er schleunigst in die Landeshauptstadt zurück. Von unterwegs rief er kurz nach sieben Uhr Ministerpräsident Reiner Haseloff an. Beide wussten, was die Stunde geschlagen hatte. Chemnitz stand ihnen vor Augen.

          Ein zweites Tröglitz verhindern

          Sie rechneten mit Demos, womöglich mit Tausenden Teilnehmern, womöglich mit Gewalt. Aber die beiden waren noch aus einem anderen Grund besorgt. Es ist nicht lange her, dass in ihrem Bundesland Neonazis martialisch aufmarschierten. 2015 war das, in Tröglitz, wo es einen Brandanschlag auf ein Haus gegeben hatte, in das Asylbewerber einziehen sollten. Der Tröglitzer Bürgermeister hatte damals sogar sein Amt aufgegeben aus Angst vor dem rechten Mob. So etwas durfte sich jetzt auf keinen Fall wiederholen.

          Beide waren sich schnell einig, was deshalb zu tun sei: alle verfügbare Polizei nach Köthen. Der Innenminister legte auf mit den Worten: „Ich mache das schon.“ Und versprach, den Ministerpräsidenten laufend zu informieren. Das Lagezentrum der Polizei verfolgte derweil, wer in den sozialen Netzwerken zu einer Demo noch am Sonntag aufrief, und schickte seinen Einschätzungen ins Innenministerium. Dort saß der Krisenstab schon zusammen, als Innenminister Stahlknecht eintraf.

          Man sprach über die Lehren aus Chemnitz. Zum Beispiel: Es lässt sich nicht vorhersagen, wie viele Leute tatsächlich zu einer Demonstration kommen würden. In Chemnitz war mit 2000 gerechnet worden, dann kamen 6500. Deshalb entschloss sich der Krisenstab, nicht nur die eigene Bereitschaftspolizei nach Köthen zu schicken, sondern auch andere Bundesländer um Hilfe zu bitten. Die Reiterstaffel aus Niedersachsen rückte an, dazu Polizeihundertschaften aus einem halben Dutzend Bundesländern sowie die Bundespolizei, Wasserwerfer, Hubschrauber. „Das ganze Besteck“ nennt das die Polizei.

          Köthens Oberbürgermeister Bernd Hauschild erfuhr am Sonntag erst kurz nach zehn, was sich über seiner Stadt zusammenbraute und warum. Eine Stadträtin hatte ihn angerufen. Er solle mal auf Facebook schauen, was da schon los sei. Hauschild rief beim Bereitschaftsdienst der Stadt an. Der wusste von nichts. Da setzte sich der Sozialdemokrat aufs Fahrrad und fuhr zum Polizeirevier in Köthen. Dort ging es schon hoch her.

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