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Keine Krawalle wie in Chemnitz : Die Köthener Methode

Bei der Kundgebung fielen Sätze wie: „Das ist ein Rassenkrieg gegen das deutsche Volk.“ Männer zeigten den Hitlergruß. Das hätte gereicht, um die Demo aufzulösen. Aber die Polizei entschied, nicht direkt einzugreifen, um die Stimmung nicht anzuheizen. Sie filmte vielmehr, um Verstöße gegen Artikel 86a im Strafgesetzbuch zu dokumentieren und später zu verfolgen, also etwa den Hitlergruß oder das Tragen von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen.

Der Innenminister überflog derweil im Hubschrauber die Stadt. Dann ließ er sich weiter zum Lagezentrum der Polizei bringen. Bis neun Uhr abends blieb er dort, bis die Demonstration vorbei war und die Anspannung abfiel: Es hatte keine nennenswerten Zwischenfälle gegeben, ein Dutzend Anzeigen wurde aufgenommen.

Ministerpräsident zeigt Präsenz

In Köthen öffnete Oberbürgermeister Hauschild zur selben Zeit noch mal das Rathaus. Einige Stadträte kamen, ein paar Bürger. Auch dort: Erleichterung. Aber Hauschild informierte auch darüber, dass für den nächsten Tag, den Montag, weitere Demos angekündigt seien. Die Stadt wolle darauf reagieren wie am Sonntag. Das Rathaus werde geöffnet für alle, in der Kirche am Markt gebe es abermals ein Friedensgebet.

Gleich am Montagmorgen meldete sich der Ministerpräsident beim Oberbürgermeister. Haseloff war auf dem Weg nach Berlin zur Präsidiumssitzung der CDU. „Ich bin für Köthen da, wenn Sie meine Hilfe brauchen“, sagte er. Hauschild antwortete: „Ja, wenn Sie um 17 Uhr beim Friedensgebet in St. Jakob dabei sein könnten.“ Haseloff sagte zu. So fuhr er zuerst nach Berlin und von dort aus nach Köthen. Nach dem Friedensgebet ging er auf den Marktplatz und sprach mit den Leuten dort. Auch das trug zur Beruhigung der Lage bei, denn ihren Ministerpräsidenten kennen die Leute in Sachsen-Anhalt.

Seit acht Jahren ist er in dem Amt und führt seit zwei Jahren eine sogenannte Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Haseloff ist gleichsam der wandelnde Runde Tisch. In der Flüchtlingspolitik hat er seine Bedenken, auch gegenüber der Kanzlerin, wenngleich er selten laut darüber spricht. Auf dem Köthener Mark jedenfalls kamen die Gespräche rasch in Gang. Später sagte Haselhoff: „Das war sehr gut für alle Beteiligten.“

Politiker in Habachtstellung

Auch der Innenminister war inzwischen in der Stadt, besuchte den Oberbürgermeister im Rathaus, bummelte dann noch eine Stunde lang durch die Fußgängerzone und zeigte, wie mit einem Eisbecher Politik gemacht werden kann: Seht her, hier sitze ich entspannt, löffele mein Eis, und jeder kann mit mir reden. „Die Leute haben mich erkannt, sie waren alle freundlich“, erzählte er danach.

Um sechs Uhr abends begannen in Köthen zwei Demonstrationen, diesmal beide angemeldet. Die eine von einem AfD-Landtagsabgeordneten. Die zweite von einem Köthener, der jeden Montag auf die Straße geht. Am Ende marschierten beide Züge zusammen, ungefähr fünfhundert Leute. Für die Polizei war das keine Herausforderung mehr. Für diesen Sonntag sind die nächsten Demonstrationen in der Stadt angekündigt. Stadt und Kirche antworten mit zwei Friedensgebeten und haben den Marktplatz bunt bemalt. Der Innenminister hält sich mit seinen Leuten im Ministerium bereit.

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