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Daniel Bahr : „Impfpflicht hatte bei Pocken Erfolg“

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Daniel Bahr: „Ich finde es verantwortungslos, seine Kinder nicht impfen zu lassen“ Bild: AP

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) über eine Impfpflicht gegen Masern, die „Herdenimmunität“, ideologische Impfgegner und den Umgang mit Verweigerern.

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          Sie sind kürzlich Vater geworden. Werden Sie Ihre Tochter, wenn sie alt genug ist, gegen Masern impfen lassen, Herr Minister Bahr?

          Ja. Eine Impfung ist der beste Schutz gegen eine Krankheit. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Die Masern sind keine Kinderkrankheit. Sie können gerade Erwachsene schwer treffen. Erst vor wenigen Wochen gab es wieder Todesfälle durch Masern in Deutschland.

          Gab es zwischen Ihnen und Ihrer Frau über das Thema Impfen, speziell gegen Masern, aber auch ganz im Allgemeinen, jemals eine Debatte?

          Nein. Wir sind beide der Ansicht, dass Impfen ein guter Schutz ist. Die übergroße Mehrheit der Fachleute hält das Impfen gegen die Masern für eine Möglichkeit, diese Krankheit ganz auszurotten. In Amerika ist es ja bereits gelungen. Ohne Impfungen hätten wir heute noch in Deutschland so schwere Erkrankungen wie Kinderlähmung oder Pocken.

          Es gibt das Argument, die Kinder hätten früher ja auch Krankheiten wie die Masern bekommen, hätten sie mit ihren körpereigenen Abwehrkräften durchgestanden und seien gestählt daraus hervorgegangen. Was halten Sie davon?

          Aber früher wie heute sind Menschen daran gestorben oder haben schwere Komplikationen davongetragen. Die Krankheit ist kein Training, sondern eine große Belastung für den Körper. Und diejenigen, die sich nicht anstecken, sind ein Leben lang gefährdet. Ich finde es verantwortungslos, seine Kinder nicht impfen zu lassen. Dadurch können schließlich auch Menschen angesteckt werden, die eine Impfung nicht vertragen. Deren Leben wird damit gefährdet.

          In einer kürzlich erschienenen Untersuchung ist deutlich geworden, dass gerade Eltern mit hohem Bildungsstand häufig zu den Impfverweigerern gehören. Haben Sie dafür eine Erklärung?

          Die große Mehrheit der Eltern lässt die Kinder impfen. Nur ein Prozent derjenigen, die das nicht tun, bezeichnen sich als bewusste Impfgegner. Unter denjenigen, die ihre Kinder oder sich selbst nicht impfen lassen, gibt es einerseits eine gewisse Häufung von Familien mit Migrationshintergrund. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die häufig sehr gebildet sind, aber aus ideologischen Gründen eine Impfung ablehnen. Insgesamt stellen wir fest, dass gerade in Großstädten besonders häufig Fälle von Masern auftreten.

          Weil es da so viele impfkritische Anthroposophen gibt?

          Das könnte eine Erklärung sein. Wir wissen ja, dass zum Beispiel nicht ganz Berlin beim Impfen hinterherhinkt, sondern vor allem die Bezirke Mitte und Prenzlauer Berg. Aber meistens ist es nicht die Ideologie, sondern es sind Unwissenheit oder Säumigkeit verantwortlich dafür, dass die Impfung fehlt.

          Was wollen Sie dafür tun, dass sich das ändert?

          Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führt die Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ durch. Dafür wollen wir nach zwei Millionen Euro in diesem Jahr 2014 sogar drei Millionen Euro bereitstellen.

          Für die Ausrottung der Masern müssen 95 Prozent der Kinder durchgeimpft sein. Schaffen Sie das allein mit einer Aufklärungskampagne?

          Die Länder sollten mein Präventionsgesetz unterstützen. Das Gesetz stellt mehr Gelder für Maßnahmen zur Verfügung. Wir haben jetzt eine Impfquote von 92 Prozent, wir können die 95 Prozent schaffen. Dann gäbe es immerhin eine sogenannte Herdenimmunität. Das heißt, selbst wenn es Krankheitsfälle gäbe, käme es nicht mehr zu einem größeren Ausbruch, weil genügend Menschen geschützt wären.

          Die 92 Prozent gelten aber nur für die Kinder, die kurz vor der Einschulung stehen. Bei den Zweijährigen, die ihre zweite Impfung schon hinter sich haben sollten, liegt diese Quote gerade mal bei 37 Prozent. Wie wollen Sie diese Lücke schließen?

          Wir arbeiten an einer Regelung, so dass der Impfstatus nicht erst bei der Einschulung, sondern schon bei der Aufnahme in Kita oder Kindergarten abzufragen ist. Das macht es leichter, Eltern daran zu erinnern, ihre Kinder rechtzeitig impfen zu lassen. Außerdem sollten ungeimpfte Kinder vom Schulbesuch ausgeschlossen werden, falls ein Fall von Masern auftritt.

          Es gibt aber die Schulpflicht in Deutschland.

          Sie würden so lange von der Schulpflicht entbunden. Dann müsste zumindest nicht die ganze Schule geschlossen werden, wie es jetzt erst wieder geschehen ist, als Masern ausgebrochen waren. Das Risiko, dass Kinder sich auch nur beim Spielen in einem Raum anstecken, ist bei Masern extrem hoch.

          Warum wird nicht gleich eine Impfpflicht eingeführt?

          Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir mit den genannten Maßnahmen an einer Impfpflicht vorbeikommen. Aber wenn es in den nächsten Jahren nicht gelingt, die Masern in Deutschland auszurotten, wird an der Debatte über eine Impfpflicht kein Weg vorbeiführen. Mir ist klar, dass das schwierige rechtliche Fragen aufwirft, unter anderem die der Sanktionen: Was mache ich mit denjenigen, die sich weigern, sich oder ihre Kinder impfen zu lassen?

          Und: Was machen Sie mit denen?

          Es gab ja schon einmal eine Impfpflicht in Deutschland, gegen die Pocken. Die hat funktioniert - die Pocken wurden ausgerottet.

          Heute gäbe es wahrscheinlich mehr Widerstand als damals.

          Ich will die rechtliche Debatte jetzt noch gar nicht führen.

          Für einen Liberalen würde es ganz schön schwierig, mit einer Impfpflicht tief in die persönliche Freiheit der Menschen einzugreifen.

          Auch ein Liberaler weiß, dass die eigene Freiheit immer bei der Freiheit der anderen endet.

          Das Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr führte Eckart Lohse.

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