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CSU-Tagung in Seeon : Seehofer und das Revöltchen am See

  • -Aktualisiert am

Horst Seehofer auf dem CSU-Parteitag Anfang November in München Bild: dpa

Vor der Klausurtagung der CSU erweckt Horst Seehofer den Eindruck, als könnte es zu einer Spaltung mit der CDU kommen. Leitet der bayerische Ministerpräsident in Seeon nun in die Wege, was sich die Partei bisher nicht traute?

          Vor einer großen Herausforderung stehen die CSU-Regisseure an diesem Mittwoch. Sie müssen ein bewährtes Stück, das den ein wenig irreführenden Titel „Klausurtagung“ trägt – das Ziel ist die Erzeugung maximaler Öffentlichkeit –, auf einer neuen Bühne inszenieren: dem ehemaligen Kloster Seeon.

          Vier Jahrzehnte lang passten Ort und Dramaturgie bei den CSU-Tagungen bestens zusammen: In Wildbad Kreuth in einem Hochtal in den Tegernseer Bergen konnte sich die Partei als urwüchsige Kraft präsentieren, gleichsam als politisches Naturereignis. Schneebedeckte Gipfelspitzen, das schlossähnliche Tagungsgebäude, die verschneite Zufahrt – niemand musste rätseln, wo das politische Herz Bayerns schlägt, ja, das Herz der ganzen Republik, zumindest zum Jahresanfang.

          Nicht einig mit der CDU

          Doch dann verspürte die Wittelsbacher Herzogsfamilie, die Wildbad Kreuth an die Hanns-Seidel-Stiftung, die Parteistiftung der CSU, als Bildungszentrum verpachtet hatte, einen Drang nach Veränderung, der die pekuniäre Leistungs- und Leidensfähigkeit der CSU beträchtlich überstieg. Das Kapitel Kreuth der Partei wurde geschlossen, fürs Erste zumindest – und das neue Kapitel Seeon aufgeschlagen.

          Die CSU denkt gerne in großen geschichtlichen Zusammenhängen, auch wenn ihr Vorsitzender Horst Seehofer das meist ganz gut verbergen kann. Im kollektiven Gedächtnis der Partei ist immer noch präsent, dass am Anfang des Kreuther Kapitels 1976 die Absicht stand, die Fraktionsgemeinschaft im Bundestag mit der CDU nicht mehr fortzusetzen. Es blieb bei der Absicht, trotz eines anfänglichen großen Tamtams, das Franz Josef Strauß anstimmte.

          Tagungsort mit Geschichte: Das Kloster Seeon im Chiemgau

          Jetzt, zu Beginn der Seeoner Zeitrechnung, erweckt Seehofer wieder den Eindruck, als sei es nicht ausgeschlossen, dass CDU und CSU nach der Bundestagswahl getrennte Wege gingen. Seehofer ist ein Politiker, der seine Worte genau wägt; er wusste, was er sagte, als kürzlich eine gemeinsame Sitzung der Spitzen der Union davon abhängig machte, dass eine Einigkeit „in den Grundzügen der Sicherheits- und Flüchtlingspolitik“ bestehe. Grundzüge, das klang danach, als seien CDU und CSU in unterschiedlichen politischen Galaxien zu Hause, politische Lichtjahre entfernt.

          Wird in Seeon angebahnt werden, was sich die CSU 1976 nach Kreuth nicht traute? Dramaturgisch ist das ehemalige Kloster, auch wenn es nicht wie Kreuth von einer Gebirgskulisse, sondern von einem kleinen See und der sanften Moränenlandschaft der Chiemgaus umgeben ist, für Zäsuren geeignet – sie finden sich reichlich in seiner Geschichte.

          Gegen den Reichsdeputationshauptschluss von 1803, nach dem die Benediktiner das Kloster aufgeben mussten, wäre eine Aufhebung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU allerdings ein laues Lüftchen. Selbst ein Gang der CSU in die Opposition, wenn sich nach der Bundestagswahl das Wort „Obergrenze“ für die Flüchtlingsaufnahme nicht in einem Koalitionsvertrag fände, der die Unterschrift der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel trägt, wäre verglichen mit dem, was sich in Seeon in nachklerikaler Zeit abspielte, keine Revolte, sondern allenfalls ein Revöltchen.

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