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CSU-Landrat Hans Reichhart : „Jeder gelangt an sein Limit im Lockdown“

  • -Aktualisiert am

Hans Reichhart (CSU), damals noch Bau- und Verkehrsminister in Bayern, am 1. April 2020 im Kloster Seeon Bild: Picture-Alliance

Hans Reichhart, Landrat von Günzburg, war bei einer Videokonferenz mit Kanzlerin Merkel zur Pandemie-Bekämpfung dabei. Ein Gespräch über angespannte Nerven auch in der CSU, Impfvordrängler und Präsenzveranstaltungen.

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          Herr Reichhart, Sie gehörten heute zu den kommunalen Vertretern, die im Videogespräch mit der Kanzlerin und dem bayerischen Ministerpräsidenten ihre Sorgen bei der Pandemie-Bekämpfung vortragen konnten. Wie war’s?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Die Atmosphäre war gut und sachlich. Viele von uns treibt zum Beispiel die Sorge um, dass die kommunalen Krankenhäuser, die im Moment die Hauptlast der Pandemie tragen, von Berlin so nicht gewollt sind, jedenfalls die kleinen, weil sie sich angeblich nicht rechnen. Da haben wir der Kanzlerin deutlich mitgegeben, dass wir diese Krankenhäuser auch in der Zukunft brauchen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was in der Pandemie passiert wäre, wenn die Kürzungspläne schon umgesetzt gewesen wären. Mein Eindruck war: Die Kanzlerin hat verstanden, dass wir hier ein Umdenken brauchen.

          Wie ist bei Ihnen im Landkreis die Stimmung in Bezug auf die Pandemie-Maßnahmen?

          Die Leute haben eine gigantische Disziplin gezeigt, auf extrem viel verzichtet. Und wenn Menschen sich angestrengt haben, dann ist auch der Wunsch da, dass man dafür belohnt wird. Aber natürlich gibt es auch Sorgen vor einer dritten Welle. Diesen Spagat muss die Politik hinbekommen – und dafür haben schon viele Verständnis.

          Zuletzt hieß es, die Basis der CSU mucke auf gegen den Kurs Markus Söders. Erleben Sie das auch so?

          Es ist in der Partei wie überall: Durch den langen Lockdown schwinden die Kräfte. Jeder gelangt an sein Limit. Das sieht man im familiären Bereich, im gesellschaftlichen, dass das Eis dünner wird. Darüber muss man sprechen. Aber das ist keine CSU-Diskussion, sondern eine gesamtgesellschaftliche.

          Wie kommen Sie in Ihrem Landkreis mit dem Impfen voran?

          Sehr gut. Wir hatten schon vor ein paar Wochen alle Senioreneinrichtungen durchgeimpft, mit beiden Impfungen, sofern sich die Leute impfen lassen wollten. Die Impfbereitschaft bei den Senioren lag bei über 90 Prozent, beim Personal war es ein bisschen mehr als sechzig Prozent. Wir haben auch eine große Behinderteneinrichtung, bei der wir sehr weit vorangeschritten sind. In spätestens zwei Wochen sollen alle in der höchsten Kategorie mindestens die erste Impfung bekommen haben.

          Haben Sie auch den Impfstoff von Astra-Zeneca, der zuletzt bei der ersten Impfung zu zum Teil starken Immunreaktionen führte und dennoch eine geringere Wirksamkeit hat als andere Impfstoffe?

          Wir verimpfen Astra-Zeneca, aber wir erleben auch die Vorbehalte. Wenn wir Leute einladen zu einer Impfung mit Astra-Zeneca, dann haben wir eine Absagequote von zwanzig Prozent. Trotzdem ist bisher kein Impfstoff übrig geblieben. Wir verimpfen ihn sofort weiter, weil es viele gibt, die ihn wollen. Wir werben auch dafür, dass es ein guter Impfstoff ist, das zeigt sich ja auch an Großbritannien, wo es damit sehr gut läuft.

          Sie selbst haben sich aber noch nicht vorgedrängelt oder sich wenigstens mit einer übriggebliebenen Dosis impfen lassen?

          Den Shitstorm habe ich mir erspart. Ich bin jede Woche mindestens einmal in unseren beiden Impfzentren, klar kommt dann mal die Frage, Mensch, wir hätten noch was übrig. Aber das wäre nicht gut. Ich bin in der zweiten Gruppe und wenn die dran ist, lasse ich mich auch impfen, aber nicht vorher.

          Es gibt Forderungen, dass die Kanzlerin sich impfen lassen solle, als Vorbild für andere.

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