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CSU : Jetzt muss Söder allein klarkommen

Am Ziel: Markus Söder (r.), jetzt bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender. Neben ihm: sein langjähriger Rivale Horst Seehofer Bild: dpa

Auch am Tag des Übergangs kommen Seehofer und Söder nicht ohne Spitzen gegeneinander aus. In Zukunft muss Söder allein für den Unterhaltungswert sorgen – und für die bundespolitische Relevanz der CSU.

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          Gewinner können großzügig sein, das zeigt Markus Söder am Samstag in der Kleinen Olympiahalle in München. In seiner Rede betont er Gemeinsamkeiten mit Horst Seehofer – beide kämen sie aus kleinen Verhältnissen und verdankten der CSU alles. Söder sagt, er habe gemeinsam mit dem scheidenden Parteivorsitzenden viel Positives für Bayern angestoßen, von diesem viel gelernt. Und er schlägt vor, Seehofer neben Theo Waigel und Edmund Stoiber zum Ehrenvorsitzenden der Partei zu machen.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Die beiden ewigen Rivalen kommen auch an dem Tag, der ihren Konflikt, zumindest formell, auflösen soll – der Übergabe des Parteivorsitzes vom einen an den anderen – nicht voneinander los. Schließlich war es entsprechend der Parteitagschoreographie an Horst Seehofer, den mehr als 850 Delegierten Söder als Nachfolger vorzuschlagen.

          In den ersten zehn Minuten seiner Abschiedsrede kam der Name „Markus Söder“ allerdings nicht vor. Seehofer wollte über die Wirkung sprechen, die Wirkung seiner Politik. Über das, was er mit der CSU erreicht hat, im Land und im Bund. Und darüber, dass für ihn ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen sei, als er den Christsozialen als Parteivorsitzender dienen durfte. „Ich gebe heute das Amt weiter. Aber es bleibt bei mir ein glühendes Herz für meine politische Familie CSU“, sagte Seehofer.

          Mit einer emotionalen, aber auch humorvollen Rede verabschiedete sich Seehofer – ohne zu verschweigen, dass er auch unter seiner Partei gelitten hat. Und so liegt Gewicht in den Sätzen, die Seehofer gegen Ende seiner Rede formuliert: „Mein Werk ist getan, Markus Söder habe ich als Nachfolger vorgeschlagen.“ Die Formulierung mutet fast schon biblisch an. Er, der viele Jahre lang mit allen Mitteln versucht hat, den ehrgeizigen Franken in der Staatskanzlei und als Parteivorsitzenden zu verhindern, muss jetzt hinnehmen, dass ihm ebendieser im zweiten Amt nachfolgt. Das politische Schicksal hat zugeschlagen.

          Seehofer hat diesen Twist – an dem viele in seiner Partei aktiv mitgearbeitet haben –, so scheint es am Samstag, wenn vielleicht nicht verarbeitet, so doch zumindest so weit akzeptiert, dass er öffentlich darüber scherzen kann. „Am schwierigsten dürfte es sein, Markus, dass du dich jetzt nur noch mit dir selbst koordinieren musst“, sagt Seehofer, sicher auch mit Blick auf die konfliktträchtige Zusammenarbeit mit seinem Lieblingsrivalen in den vergangenen Jahren. Selbstgespräche seien nicht immer ganz einfach, fügt er hinzu und schmunzelt. Die Delegierten lachen – und zum ersten Mal wendet sich der Saal wohlwollend und nicht nur höflich dem scheidenden Parteivorsitzenden zu.

          Der setzt noch eins drauf und zitiert aus seinem Horoskop – er ist Krebs –, das er am Morgen in seiner Heimatzeitung „Donaukurier“ gelesen habe: „Sie verlieren keinesfalls Ihr Gesicht, wenn Sie eine bereits getroffene Entscheidung revidieren.“ Vor einigen Jahren hätte er das noch als Auftrag interpretiert, sagt Seehofer unter Gelächter. „Heute fehlt mir dazu die Risikobereitschaft.“

          Söder hat das Teamplay entdeckt

          Das nimmt man ihm nicht ganz ab. Aber Seehofer spürt wohl auch an diesem besonderen Tag mehr als deutlich, dass sich seine Partei innerlich schon von ihm als Parteichef verabschiedet hat. „Macht’s es gut“, sagt er noch, bevor er Platz macht auf der Bühne.

          Söder redet länger als Seehofer, geht auf die schwierige Landtagswahl ein, auf seine Vision für eine modernere, jüngere, weiblichere CSU, die „lässig, nicht spießig“ ist. Und er keilt gegen die Grünen, gegen den Bundesvorsitzenden Robert Habeck und die Landesvorsitzende Katharina Schulze. „Wir überlassen unser Bayern nicht den Grünen“, ist sein Tenor, und damit trifft er bei den Delegierten einen Nerv.

          Der 52 Jahre alte Franke spricht aber auch über ein anderes Thema, das er in den vergangenen Wochen für sich entdeckt hat: die Zusammenarbeit. Er sagt, er wolle aus guten Solisten ein tolles Orchester machen – und versichert den Delegierten noch einmal seine ehrlichen Absichten bei der Frage der Teamarbeit. „Kann der Söder das?“, würden sich wohl einige hinter vorgehaltener Hand fragen. Doch die Stärke der CSU liege in ihrer Basis, und deren Wert wollen er neu würdigen, sagt Söder.

          Es spricht mit Leidenschaft, bekommt viel Applaus. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann bezeichnet Söders Rede im Anschluss gar als „fulminant“. Auch die Delegierten sind offenbar zufrieden: Sie wählen Söder mit 87,4 Prozent zu ihrem neuen Vorsitzenden – besser als Seehofer 2017, aber schlechter als Seehofer 2008. Ein gutes, aber eben auch kein herausragendes Ergebnis. Die 90 Prozent, die mancher zuvor als Erwartung formuliert hatte, verfehlt Söder relativ klar.

          Ab jetzt ohne Watschenbaum

          Mit seinen beiden Ämtern – Parteivorsitzender und Ministerpräsident – steht er jetzt vor einer großen Herausforderung: Er hat in den vergangenen Monaten erfolgreich den Schwenk zum Landesvater gemeistert, seine provokanten Töne sind überwiegend versöhnlich geworden. Doch bisher hat Söder im Hinblick auf die Erneuerung der Partei nicht viel mehr geliefert als die passende Rhetorik. Und auch auf Bundesebene ist es ihm als Ministerpräsident noch nicht gelungen, Bayerns Gewicht als wirtschaftlich starkes Bundesland auch entsprechend einzubringen. Wenn die CSU ihrem eigenen Anspruch weiterhin gerecht wolle, dürfe sie nicht in die Provinzialität abrutschen – diese Forderung, die der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Söder neulich in Form einer beidhändigen Watsch'n per F.A.Z.-Interview zustellen ließ, dürfte ihn in den nächsten Wochen und Monaten noch begleiten.

          Der neue Partei- und zwei Ehrenvorsitzenden: Markus Söder (r.) mit Edmund Stoiber und Horst Seehofer (M.)

          Jetzt, nach dem Abschied Seehofers vom Parteivorsitz, wird Söder dieser zudem als Watschenbaum, als „Bad Bank“,  fehlen, den man für schlechte Wahlergebnisse verantwortlich machen kann. Söder muss nun an Profil gewinnen – ohne es, wie in den letzten Jahren, allein schon aus der Auseinandersetzung mit Seehofer zu erlangen.

          Beim Parteitag nutzen Seehofer und Söder, die die CSU mit ihrem jahrelangen Machtkampf geprägt und wohl auch gequält haben, dann doch noch einmal die Gelegenheit, gegeneinander zu schießen. Etwa als Söder nach der Rede der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer auf einen der Tiefpunkte im Verhältnis zwischen Seehofer und Kanzlerin Angela Merkel anspielt: den CSU-Parteitag 2015, als Seehofer die damalige CDU-Vorsitzende minutenlang abkanzelte. „Ich will zwei Fehler vermeiden“, die es in diesem Rahmen schon gegeben habe, sagt Söder. „Erstens zu lang zu reden und zweitens keine echten Blumen zu haben.“

          Oder als Söder bei Seehofers Wahl zum Ehrenvorsitzenden scherzhaft anmahnt, dass dieses Amt eine neuerliche Kandidatur qua Satzung ausschließe, „lieber Horst“. Und Seehofer erwidert, dass er, anders als üblich, direkt und ohne Bewährungsprobe als Vorsitzender a.D. zum Ehrenvorsitzenden ernannt worden sei. „Mal schauen, wie es wird“, sagt der 69 Jahre alte Politiker und lacht – fast so, als plane er bereits seinen nächsten Coup. Gelegenheit dazu hätte er: Vorerst wird er Bundesinnenminister bleiben, wenn auch von Söders Gnaden.

          Ohne dass klar ist, wie sich die CSU unter ihrem neuen Vorsitzenden entwickeln wird, steht eines schon heute fest. Mit dem Ende des offenen Machtkampfs zwischen Söder und Seehofer wird die CSU an Unterhaltungswert verlieren. Auch wenn sich in der Partei sicher andere finden, die mit „Schmutzeleien“ von sich reden machen werden.

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