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CSU : Jetzt muss Söder allein klarkommen

Der 52 Jahre alte Franke spricht aber auch über ein anderes Thema, das er in den vergangenen Wochen für sich entdeckt hat: die Zusammenarbeit. Er sagt, er wolle aus guten Solisten ein tolles Orchester machen – und versichert den Delegierten noch einmal seine ehrlichen Absichten bei der Frage der Teamarbeit. „Kann der Söder das?“, würden sich wohl einige hinter vorgehaltener Hand fragen. Doch die Stärke der CSU liege in ihrer Basis, und deren Wert wollen er neu würdigen, sagt Söder.

Es spricht mit Leidenschaft, bekommt viel Applaus. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann bezeichnet Söders Rede im Anschluss gar als „fulminant“. Auch die Delegierten sind offenbar zufrieden: Sie wählen Söder mit 87,4 Prozent zu ihrem neuen Vorsitzenden – besser als Seehofer 2017, aber schlechter als Seehofer 2008. Ein gutes, aber eben auch kein herausragendes Ergebnis. Die 90 Prozent, die mancher zuvor als Erwartung formuliert hatte, verfehlt Söder relativ klar.

Ab jetzt ohne Watschenbaum

Mit seinen beiden Ämtern – Parteivorsitzender und Ministerpräsident – steht er jetzt vor einer großen Herausforderung: Er hat in den vergangenen Monaten erfolgreich den Schwenk zum Landesvater gemeistert, seine provokanten Töne sind überwiegend versöhnlich geworden. Doch bisher hat Söder im Hinblick auf die Erneuerung der Partei nicht viel mehr geliefert als die passende Rhetorik. Und auch auf Bundesebene ist es ihm als Ministerpräsident noch nicht gelungen, Bayerns Gewicht als wirtschaftlich starkes Bundesland auch entsprechend einzubringen. Wenn die CSU ihrem eigenen Anspruch weiterhin gerecht wolle, dürfe sie nicht in die Provinzialität abrutschen – diese Forderung, die der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Söder neulich in Form einer beidhändigen Watsch'n per F.A.Z.-Interview zustellen ließ, dürfte ihn in den nächsten Wochen und Monaten noch begleiten.

Der neue Partei- und zwei Ehrenvorsitzenden: Markus Söder (r.) mit Edmund Stoiber und Horst Seehofer (M.)

Jetzt, nach dem Abschied Seehofers vom Parteivorsitz, wird Söder dieser zudem als Watschenbaum, als „Bad Bank“,  fehlen, den man für schlechte Wahlergebnisse verantwortlich machen kann. Söder muss nun an Profil gewinnen – ohne es, wie in den letzten Jahren, allein schon aus der Auseinandersetzung mit Seehofer zu erlangen.

Beim Parteitag nutzen Seehofer und Söder, die die CSU mit ihrem jahrelangen Machtkampf geprägt und wohl auch gequält haben, dann doch noch einmal die Gelegenheit, gegeneinander zu schießen. Etwa als Söder nach der Rede der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer auf einen der Tiefpunkte im Verhältnis zwischen Seehofer und Kanzlerin Angela Merkel anspielt: den CSU-Parteitag 2015, als Seehofer die damalige CDU-Vorsitzende minutenlang abkanzelte. „Ich will zwei Fehler vermeiden“, die es in diesem Rahmen schon gegeben habe, sagt Söder. „Erstens zu lang zu reden und zweitens keine echten Blumen zu haben.“

Oder als Söder bei Seehofers Wahl zum Ehrenvorsitzenden scherzhaft anmahnt, dass dieses Amt eine neuerliche Kandidatur qua Satzung ausschließe, „lieber Horst“. Und Seehofer erwidert, dass er, anders als üblich, direkt und ohne Bewährungsprobe als Vorsitzender a.D. zum Ehrenvorsitzenden ernannt worden sei. „Mal schauen, wie es wird“, sagt der 69 Jahre alte Politiker und lacht – fast so, als plane er bereits seinen nächsten Coup. Gelegenheit dazu hätte er: Vorerst wird er Bundesinnenminister bleiben, wenn auch von Söders Gnaden.

Ohne dass klar ist, wie sich die CSU unter ihrem neuen Vorsitzenden entwickeln wird, steht eines schon heute fest. Mit dem Ende des offenen Machtkampfs zwischen Söder und Seehofer wird die CSU an Unterhaltungswert verlieren. Auch wenn sich in der Partei sicher andere finden, die mit „Schmutzeleien“ von sich reden machen werden.

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