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CSU-Fraktionschef Kreuzer : Der nicht mit der Zeit geht

  • -Aktualisiert am

Prosit im Allgäuer Thalkirchdorf: In seiner Heimat nimmt CSU-Fraktionsvorsitzender Thomas Kreuzer am 20. September 2019 am traditionellen Viehscheid teil. Bild: Pahnke, Christina

Fraktionschef Thomas Kreuzer steht für die traditionelle CSU, während um ihn herum Söder immer flexibler und Dorothee Bär immer digitaler wird. Gerade deswegen könnte er in der Partei noch gebraucht werden.

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          Vor lauter Markus Söder in der CSU und bei allem „jung“, „weiblich“, „modern“ vergisst man fast, dass es auch noch ein paar Arrivierte gibt, deren Wort in der Partei Gewicht hat. Zum Beispiel Thomas Kreuzer. Die Macht des Vorsitzenden der CSU-Landtagsfraktion ergibt sich aus seiner zentralen Position im Gefüge der Institutionen, die er seit 2013 innehat – aber nicht nur: Ein Georg Schmid war auch CSU-Fraktionschef, hatte indes weit weniger Einfluss als Kreuzer. Dieser genießt unter seinen Abgeordneten Autorität, ebenso beim Koalitionspartner. Er gilt als hart, aber doch fair und verlässlich. Laut Florian Streibl, Fraktionschef der Freien Wähler im Landtag, „weiß man beim Kollegen sofort, woran man ist“.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Kreuzer war parlamentarischer Geschäftsführer, Kultusstaatssekretär, Staatskanzleichef unter Horst Seehofer. Zuvor war er Staatsanwalt und Richter, wobei Letzteres, wie Streibl meint, „seinem urteilsstarken Charakter entspricht“. Kreuzer hat bei der Bundeswehr eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer gemacht und mit seiner früheren Ehefrau einen Bauernhof (erst Milchvieh, dann Bio und Mutterkuhhaltung) betrieben. Er ist einer der wenigen Generalisten in der CSU – mit dem Anspruch, sich auf dem jeweiligen Sachgebiet wie ein Spezialist äußern zu können. Im Gespräch sagt er: „Meine Abgeordneten wissen: Der Chef da vorne, der befasst sich immer mit den Dingen, er sagt bloß was, wenn er etwas davon versteht, und lügt uns nie an. Dem können wir glauben, auch wenn wir uns in dieser oder jener Materie einmal nicht so gut auskennen.“

          Irgendwo zwischen versunken und schlagfertig

          Kreuzer wurde 1959 in Kempten geboren, in eine Familie mit langer bäuerlicher Tradition. Abgesehen vom Jurastudium in Augsburg und von der politischen Tätigkeit in München hat er der Heimat nie den Rücken gekehrt. Ein wenig verdruckst ist er – so wie man es dem Allgäuer nachsagt. Es kommt öfter vor, dass er bei einer Pressekonferenz neben dem gar nicht verdrucksten Söder steht. Während der redet und er schweigt, wirkt Kreuzer oft in sich versunken, auch physiognomisch.

          Aber wenn er mal loslegt, mit der tiefsten Stimme, die der Landtag zu bieten hat und die durch viele rote Marlboros noch tiefer geworden sein dürfte, dann kann es für den politischen Gegner ungemütlich werden. Zumal Kreuzer nicht nur über den Dampfhammer als Waffe verfügt, sondern auch über Humor und Schlagfertigkeit. Als ihn kürzlich im Landtag ein FDP-Abgeordneter, der sich als Digitalisierungsfachmann vorstellte, mit einer Zwischenfrage aufs Glatteis führen wollte, konterte Kreuzer: „Dass Sie in Ihrer Fraktion für Digitalisierung zuständig und ein Fachmann sind, ist mir bisher ehrlich gesagt entgangen, Herr Kollege.“

          Kreuzer beginnt oder beendet Sätze gerne mit: „um es klar zu sagen“. Solche Wendungen sind in der Politik geläufig, als Übersprunghandlung, Floskel oder bewusste Irreführung des Zuhörers. Bei Kreuzer ist es nichts von alledem. Er hat tatsächlich klare politische Vorstellungen, konservative, wirtschaftsnahe. In seiner Partei gehörte er zu den schärfsten Kritikern der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin.

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