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CSU-Fraktionschef Kreuzer : Der nicht mit der Zeit geht

  • -Aktualisiert am

Als Puffer zwischen Seehofer und Söder

Dabei ist Kreuzer kein Lautsprecher. Er wirkt eher nach innen als nach außen. Das konnte man jüngst bei einem Viehscheid im Allgäu beobachten, der von einem Volksfest umrahmt wurde. Kreuzer kam in regionaler Tracht, die er im Detail zu erklären wusste. Ebenso die Viehscheidtradition. Man merkte an dem Tag bei herrlichem Wetter, dass er gerne unter Leute geht und ein Bier mit ihnen trinkt. Und doch war er, womöglich weil Presse dabei war, nicht in seinem Element. Söder hätte sich hier mit traumwandlerischer Sicherheit neben die prächtigste Kuh gestellt, Bilder produziert, Aufsehen erregt. Kreuzers Suche nach der richtigen Kuh war mühsam.

Auch konnte er fast so unbehelligt wie ein normaler Passant durch die Festgemeinde gehen. Den bayerischen Defiliermarsch, den er im Festzelt dirigieren durfte, dirigierte er diskret: keine Versuche, metaphorische Kurzschlüsse zu seiner Tätigkeit an der Fraktionsspitze zu provozieren. Wahrscheinlich kann es Kreuzer nicht anders. Mit Sicherheit hat er sich aber auch ein feines Gespür dafür bewahrt, dass die Leute an einem solchen Tag nicht wegen der Politik da sind.

Als Ministerpräsident war Kreuzer nie im Gespräch, nicht zu seinem Leidwesen. Aber er hat eine wichtige Rolle gespielt beim Übergang von einem Ministerpräsidenten zum anderen, von Seehofer zu Söder. Im Machtkampf zwischen den beiden war Kreuzer nicht eindeutig einem Lager zuzuordnen. Seehofer hatte er loyal in der Staatskanzlei gedient, aber er war weder mit ihm im Urlaub, noch hat er je dessen Modelleisenbahn vorgeführt bekommen. Söder kennt er schon ewig. 1994 sind die beiden zusammen in den Landtag gekommen. Sie haben einen guten Draht zueinander. So bot es sich an, dass Kreuzer in den Wochen, in denen man die beiden Streithähne nicht bedenkenlos in einem Raum lassen konnte, eine Art Pendeldiplomatie betrieb. „Man musste reden mit den beiden – und man musste gewisse Kreise in der Fraktion beruhigen, die der Auffassung waren, ein Ende mit Schrecken sei besser als Schrecken ohne Ende.“

Gewiss kein Grüner

Großen Streit mit Söder hat er nie gehabt. Aber doch Meinungsverschiedenheiten. Als Söder sich nach Fukushima an die Spitze der Anti-AKW-Bewegung setzte, war Kreuzer der Auffassung, der sofortige Ausstieg sei ein Schnellschuss. Aber er war damals, als Kultusstaatssekretär, auf verlorenem Posten. Kreuzer ist kein Ideologe oder Reaktionär. Mit der CSU-Sozialpolitikerin Barbara Stamm versteht er sich sehr gut, und als kürzlich die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, angeboten hat, eine Instagram-Schulung für die Landtagsfraktion zu machen, hat er sofort zugestimmt.

Was Kreuzer aber gewiss auch nicht ist: ein Grüner. Er setzte sich nachdrücklich für den Bau einer Skischaukel in einem besonders geschützten Bereich der Allgäuer Alpen ein – das Projekt wurde inzwischen wegen massiver Widerstände abgeblasen. Auf die Frage, ob er, der über die Schüler-Union zur Politik gekommen ist, nicht auch bei den Grünen hätte landen können, sagt er: „Als ich mit der Politik begonnen habe, haben die Grünen noch keine Rolle gespielt – und sie hat auch keiner vermisst.“ Noch heute sagt Kreuzer über sie, sie seien „Populisten“. Mehr als um die Umwelt gehe es ihnen um ihr parteipolitisches Wohlergehen.

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