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CSU : Ein Herz für Senioren

  • -Aktualisiert am

Die „magische Sechzig“ ist bei Horst Seehofer nicht mehr aktuell Bild: dapd

Horst Seehofer entdeckt die Vorzüge des Alters. Vor allem die Parteisenioren dürfte es freuen, dass ihr Vorsitzender dem Alterswahn verfallen ist.

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          Ein Herz für Senioren will Horst Seehofer in diesem Jahr zeigen, in dem in Bayern gleich zwei Mal gewählt wird, zum Landtag und zum Bundestag. Ein Herz für Parteisenioren, denen davor graut, statt an einem Kabinettstisch nur noch an der heimischen Frühstückstafel die Geschicke des Landes lenken zu dürfen. Nach der Landtagswahl 2008 hatte Seehofer sich die leidige Aufgabe der Regierungsbildung noch durch Ziehung einer Altersgrenze in der CSU erleichtert; wer älter als sechzig Jahre war, musste fortan ohne die Anrede „Herr Staatsminister“ oder „Frau Staatssekretärin“ auskommen.

          Das sorgte damals für böses Blut; manche, darunter der frühere Generalsekretär Thomas Goppel, wollten nicht recht glauben, nicht mehr gebraucht zu werden. Auch in Berlin wurde es für ältere Politiksemester der CSU ungemütlich; auf Michael Glos folgte 2009 im Bundeswirtschaftsministerium Karl-Theodor zu Guttenberg. Die CSU präsentierte sich mit aller Macht, die Seehofer zu Gebote stand, als Partei der jungen Köpfe. Seehofer wurde fast selbst von der Jugendrevolution, die er ausgerufen hatte, verschlungen; ihn rettete nur, dass die Dissertation Guttenbergs unversehens viele Leser fand.

          Die magische Sechzig

          Seehofer hat seine Lektion gründlich gelernt. Seine magische Sechzig, an der die Karriere von Goppel und anderen verglühte, will er jetzt nur noch als eine „einmalige Antwort“ auf das Debakel der CSU bei der Landtagswahl 2008 verstanden wissen. Damit sei die Botschaft an die Wähler verbunden gewesen: „Wir können so nicht weitermachen, wir haben verstanden“, wurde er am Mittwoch im „Münchner Merkur“ zitiert. Eine „einmalige Antwort“ - manche in der CSU mögen das für die lange gesuchte Lösung der Rätselfrage halten, was Seehofer unter Politik versteht.

          Zu den Klausurtagungen der CSU in Wildbad Kreuth - in der nächsten Woche kommen dort ihre Bundestagsabgeordneten zusammen, dann folgen die Landtagsabgeordneten - können also die erfahrenen Kräfte der CSU beruhigt fahren. Es wird an der Zufahrt keine Alterskontrolle stattfinden. Gerda Hasselfeldt, die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, muss nicht damit rechnen, dass sie nach Vorzeigen ihrer Personalausweises mit dem Geburtseintrag 1950 die Heimfahrt mit der Bayerischen Oberlandbahn antreten muss. Auch Peter Ramsauer, mit dem Geburtsjahr 1954 gefährlich nahe an der früheren Demarkationslinie, kann seinem bevorzugten Kreuther Zeitvertreib, dem Langlaufen, nachgehen, ohne fürchten zu müssen, dass in der Zwischenzeit sein Zimmer im Tagungshaus und sein Ministerium anderweitig vergeben werden. Er könnte sich sogar den Luxus leisten, ein Wort zu gebrauchen, dass Seehofer nicht mehr gerne hört, zumindest nicht, wenn über die Donau gesprochen wird: „Staustufen“.

          Neue Linie in Altersfragen

          Selbst der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, Georg Schmid, der im April sechzig Jahre alt wird, darf sich in Kreuth als durch und durch juvenile Erscheinung fühlen. 2008 galt er noch, obwohl damals noch ein Stück weit entfernt von Seehofers Sechzig, als besonders schwerer Fall einer politischen Vergreisung. Schmid bemühte sich verzweifelt um eine Verjüngung, der er vieles opferte, darunter seinen Schnurrbart. Dennoch galt er lange Zeit als idealer Kandidat für die Seehofersche Altersguillotine; manche meinten, der Vorsitzenden überlege, Schmid alle sechs Monate zum Geburtstag zu gratulieren.

          Gegenwärtig müsste sich Schmid nicht einmal davor fürchten. Denn in Seehofers CSU gilt eine neue Demographie; es geht das Wort um, auf den Jugendwahn folge jetzt der Alterswahn. Ilse Aigner, die von der Bundes- in die Landespolitik wechselt, sei „noch nicht einmal 50“, sagt Seehofer jetzt; sie habe noch „mindestens 20 Jahre in der bayerischen Politik“ vor sich. Mindestens, schließlich wird Edmund Stoiber, der im Februar wieder auf dem Aschermittwoch der CSU in Passau sprechen soll, im September erst 72 Jahre alt; es dürfte nicht mehr lange dauern, bis auch andere Zwangssenioren der CSU begnadigt werden.

          Seehofer selbst ist noch nicht einmal 64 Jahre alt - das wird er erst im Juli. Und 2018, bei der übernächsten Landtagswahl, wird er noch nicht einmal siebzig Jahre alt sein. Einige argwöhnen in der CSU, er arbeite an seiner Nachfolge - mit ihm als Nachfolger.

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