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CSU : Dynastische Spiele in Weiß und Blau

  • -Aktualisiert am

Orakel: CSU-Chef Horst Seehofer Bild: dapd

Seehofer beherrscht die Kunst, Fragezeichen zu setzen: Die Bayern lässt er nun über einen geheimnisvollen fünften Kandidaten für seine Nachfolge rätseln. Ude heißt er wohl kaum.

          3 Min.

          Mit schwierigen dynastischen Fragen haben sich die Bayern am Wochenende auseinandersetzen müssen. Horst Seehofer machte sich nach dem Abschluss des Münchner CSU-Parteitags öffentlich Gedanken, wer ihm nachfolgen werde - nicht im nächsten Jahr, wenn ein neuer Landtag gewählt wird, sondern im Jahr 2018, zum Schluss der künftigen Legislaturperiode. Auch Christian Ude dachte auf dem Nürnberger Parteitag der SPD laut über die Nachfolge Seehofers nach; er wollte allerdings nicht bis 2018 warten, sondern 2013 Seehofer ablösen.

          Schon die protokollarischen Vorbereitungen der Parteitage der immer noch großen CSU und der immer noch kleinen bayerischen SPD - 2008 erzielte sie bei der Landtagswahl 18,6 Prozent der Stimmen - waren heikel gewesen. Zunächst hatte die CSU geplant, Seehofer am Samstag formell zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl zu bestimmen. Doch dann bekam sie Wind davon, dass die SPD einen Tag später Ude zum Spitzenkandidaten proklamieren wollte.

          Die CSU beschlich die Sorge, die Wähler könnten dem Irrglauben aufsitzen, es handele sich um zwei gleichrangige Ereignisse und verschob die Nominierung Seehofers auf das nächste Jahr, was ihr nicht schwer fiel; an Seehofers Kandidatur zweifelt niemand. Ohnehin ist eine Spitzenkandidatur in Bayern eine medial-virtuelle Sache, denn bei der Landtagswahl wird nach Bezirkslisten abgestimmt.

          Großzügiges Nachfolgetablau

          Kein großes Staatstheater in München, wenn die SPD sich an einem kleinen Einakter in Nürnberg versucht, lautete also die Maxime der CSU. Riesen dürften nicht mit Zwergen verwechselt werden, strikt politisch gesehen natürlich. Niemand in der CSU konnte vermuten, dass Seehofer doch der Sinn nach einer Nachfolgedebatte stand - am allerwenigsten die Parteitagsdelegierten, die am Freitag und Samstag in einer Münchner Messehalle brav Anträge berieten.

          Es ist zwar nicht unbekannt, dass Seehofer immer zur Bestform aufläuft, wenn der Vorhang gefallen ist; er liebt es, gleichsam in der Verlängerung Journalisten in die Blöcke zu diktieren, was mehr Spannung verspricht als Parteitags- oder Vorstandsbeschlüsse. Doch dass Seehofer ein großzügiges Nachfolgetableau skizzierte, während schon die leeren Flaschen auf den verwaisten Delegiertentisch eingesammelt wurden, war doch überraschend.

          Zumal er sich nicht darauf beschränkte, die üblichen Verdächtigen zu nennen - Bundeslandwirtschaftsminister Ilse Aigner und die bayerischen Staatsminister Christine Haderthauer, Markus Söder, Joachim Herrmann - sondern auch noch einen zusätzlichen „Joker“ in Aussicht stellte, dessen Identität er aber nicht preisgeben wollte. Der fünfte Mann (oder die fünfte Frau) - wer immer noch nicht wusste, welche dramaturgischen Talente in Seehofer schlummerte, war jetzt klüger.

          „Maßgebliche“ Aufgabe für Guttenberg

          Damit die Phantasien in die richtige Richtungen wucherten, hatte Seehofer zuvor schon einen Namen ins Spiel gebracht, der die Ohren spitzen ließ: Karl-Theodor zu Guttenberg. Er wolle sich nach der Landtagswahl bemühen, dass Guttenberg wieder eine „maßgebliche“ Aufgabe in der CSU erhalte, versprach Seehofer. Ein kunstvolleres Arrangement hätte er nicht flechten können: Guttenberg war es schließlich einst, der Seehofer als politisch frühvergreist erscheinen ließ. Gerade ihn auf Umwegen ins Spiel zu bringen, um zu verhindern, dass Ilse Aigner zu mächtig wird, konnte als Meisterwerk weiß-blauen Machiavellismus gelten.

          Im kleineren Format eiferte die SPD auf ihrem Parteitag der CSU nach. Fast rührend war es, wie der bayerische SPD-Vorsitzende Florian Pronold sich bemühte, überschäumende Freude über die Kandidatur Udes zu mimen, mit der sein Landesverband die einst propagierte Verjüngung dialektisch interpretiert.

          Bis zum Wahltag verkörpern nicht Pronold (Jahrgang 1972) und der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Markus Rinderspacher (Jahrgang 1969) die Zukunft der bayerischen SPD, sondern Ude, der am nächsten Freitag 65 Jahre alt wird. Pronold kleidete die Geschichte der Kandidatenwerdung Udes im Sommer vergangenen Jahres - es war eine Art Selbstausrufung - in eine für Schulbücher taugliche Form; mit der Nominierung Udes in Nürnberg wurde die demokratische Kleiderordnung ohnehin wieder hergestellt.

          Ganz so groß hätte die Angst der CSU am Wochenende nicht sein müssen, dass ihr die SPD die Schau stiehlt. In den großen inszenatorischen Formaten - „Der fünfte Mann“, Regie Horst Seehofer - ist die CSU immer noch führend. Sie ist noch nicht auf ein Puppenküchentheater wie die SPD verfallen, die in Nürnberg ein Podiumsgespräch veranstaltete, auf dem die Vorzüge des Kandidaten Ude angepriesen wurde wie sauer Bier - eine Zeitzeugin inbegriffen, die referierte, wie sich Ude seit seiner Schülerzeit entwickelt habe.

          Aber wer weiß, vielleicht reizt es Seehofer beim nächsten CSU-Parteitag, sein Nachfolgergeschwader auf die Bühne zu bitten, um ihn zu preisen; der fünfte Mann könnte seine Pflicht ja unter einer Tarnkappe erfüllen.

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