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Seehofer in der Krise : Wie die eigene Ära beenden?

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Wie geht es weiter? Eine Telefonbefragung sagt Unheil voraus. Bild: dpa

Horst Seehofer wankt. Wie es weitergeht? Unklar. Nur gemütlicher wird es wohl nicht mehr. Eine Telefonumfrage sagt bereits neues Unheil für die CSU voraus – und befeuert Debatten, die noch vor kurzem undenkbar waren.

          Vielleicht finden Horst Seehofer und Angela Merkel während der Berliner Sondierungsgespräche eine ruhige Minute, um sich über die Frage aller Fragen von Staatsfrauen und -männern auszutauschen: Wie die eigene Ära beenden? Seehofer beschäftigt sich damit seit Jahren – fast ausschließlich, hatte es zuweilen den Anschein. Seine Äußerungen, wann es Zeit sein könnte, den CSU-Vorsitz und die bayerischen Regierungsgeschäfte in jüngere Hände zu legen, füllen Bände. Der Seehofersche Imperativ, den er in diesem Frühjahr für die Spitzenämter formuliert hat, ist legendär: „Sie müssen wollen, Sie müssen können, und Sie müssen gewinnen.“

          Wer wollte, konnte diesen Imperativ schon damals als Prophezeiung des eigenen Untergangs verstehen: Wer nur noch müssen muss, kann schwerlich andere mitreißen. Seit der Bundestagswahl, die der CSU mit 38,8 Prozent der Stimmen das zweitschlechteste Ergebnis ihrer Geschichte beschert hat, folgt Seehofers Sturz der unerbittlichen Dramaturgie, die er selbst vorgezeichnet hat. Er muss wollen, weil im Augenblick die möglichen Nachfolger davor zurückschrecken, selbst die CSU unter ein Koalitionsjoch mit der FDP und den Grünen zu spannen. Es soll ihm zugerechnet werden, wenn die CSU unter dieser Last bei der Landtagswahl im Herbst nächsten Jahres zusammenbricht.

          Am Donnerstag rückte ein Umfrage das Müssen noch mehr in den Vordergrund. Das Hamburger Institut GMS stellte bei einer telefonischen Befragung im Auftrag des Fernsehsenders Sat 1 fest, was kleine und große CSU-Strategen seit der Bundestagswahl befürchten – dass die absolute Mehrheit in Bayern bald Geschichte sein könnte.

          Nach der Umfrage würde die CSU gegenwärtig bei einer Landtagswahl nur noch mit 41 Prozent der Stimmen rechnen können. Bei fünf weiteren Parteien, die danach in den Landtag kämen – die SPD mit 15, die AfD mit 13, die Grünen mit elf, die FDP mit sieben, die Freien Wähler mit sechs Prozent – wäre die Mehrheit der Sitze im Maximilianeum verloren. Die CSU müsste sich in München einen Koalitionspartner suchen; der Nimbus der Unbesiegbarkeit, der schon bei der Landtagswahl 2008 erschüttert wurde, wäre endgültig dahin.

          Wenig überraschend, dass in der CSU augenblicklich außer Seehofer niemand bereitsteht, der nicht nur wollen muss, sondern auch wollen will – und es auch öffentlich sagt. Allenfalls der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hat zaghaft eine gewisse Bereitschaft erkennen lassen: Er will auch ohne Bundestagsmandat in ein Berliner Kabinett eintreten.

          Ohne Mandat, aber nicht ohne CSU-Vorsitz, ergänzen manche Auguren süffisant, die darin eine elegante Möglichkeit sehen, wie Seehofer den von ihm ungeliebten Markus Söder im Vorhof der Macht belassen könnte. Herrmann könnte in diesem Szenario auf dem CSU-Parteitag, der vom November in den Dezember verlegt werden soll, zum Vorsitzenden gewählt werden und danach als Bundesinnenminister in ein viertes Kabinett Merkel eintreten.

          Söder und seine ansehnlichen Bataillone

          Seehofer könnte weiter als Ministerpräsident in Bayern amtieren – und dann vor oder nach der Landtagswahl die Last des Müssens auf jüngere Schultern abwälzen. Es müssten allerdings Schultern sein, denen in der Partei ein weiterer Teil des Seehoferschen Imperativs zugetraut wird – das Können. Und hier kommt wieder Markus Söder ins Spiel, der in der Partei und der CSU-Landtagsfraktion ansehnliche Bataillone hinter sich geschart hat, die ihm zutrauen, es zu können.

          Altbayern müssten sich dann damit abfinden, dass mit Herrmann und Söder zwei Franken eine Doppelspitze bildeten; es wäre eine Art Ilse-Aigner-Sonderopfer in einer schwierigen Lage. Für Seehofer könnte es nicht ganz der ersehnte Weg nach Draußen sein, den er seit Jahren sucht. Aber er hätte immerhin eine Teilung seiner Erbes erreicht, auch wenn es schmaler auszufallen droht als es die CSU gewohnt ist.

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