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Gefahren von Crystal Meth : „Brauchst Du was? Sex?“

Der Griff zur Spritze: Beim „Slammen“ ist die Wirkung von Crystal Meth noch stärker. Bild: Felix Schmitt

In der Schwulenszene von Berlin ist Crystal Meth weit verbreitet. Die Männer treffen sich, nehmen die Droge und feiern Orgien. Unterwegs im Nollendorfkiez.

          6 Min.

          Wenn es dunkel wird, verwandelt sich der Nollendorfkiez in Berlin. Die Cafés auf der Motzstraße, Hauptschlagader der Schwulenszene, schließen. Die Schaufenster der Lack- und Leder-Geschäfte leuchten matt in die Nacht. Mütter mit Kinderwagen verschwinden in die angrenzenden Bezirke, Männer in Kapuzenpullis und engen Hosen erobern die Straßen. Wenn man sie länger als nötig anschaut, flüstern sie: „Brauchst Du was? Sex?“ Sie stehen an den Ecken, immer in Laufweite der Nachtclubs, viele haben einen osteuropäischen Akzent. Manchmal stehen dort auch Araber. Sie flüstern: „Brauchst Du was? Koka? Ecstasy? T?“ T steht in der Szene für Tina, Tina für Crystal Meth. Darum geht es im Nollendorfkiez: Sex und harte Drogen.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Hier wurde vor wenigen Tagen der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck erwischt, vermutlich mit Crystal Meth. Er kam wohl gerade aus der Wohnung eines Dealers. Der Fall zeigt, wie salonfähig die Droge geworden ist, besonders unter Schwulen. Nur: Warum? Was macht den Reiz einer Substanz aus, die Menschen in wenigen Monaten um Jahre altern lässt?

          Alles war plötzlich klar, die Gedanken, die Welt

          Einige Straßen weiter wohnt Torsten, 43 Jahre alt, seit vier Jahren abhängig. Wie ein Drogenabhängiger sieht er nicht aus, eher wie ein Yuppie, der ein bisschen zu viel arbeitet. Er trägt Dreitagebart, kurze Haare und guckt wie jemand, der es gewohnt ist, etwas vom Leben zu erwarten.

          Crystal nahm er zum ersten Mal auf einer Sexparty, wo sich Männer mit Männern trafen. Normalerweise nahm Torsten zu solchen Anlässen Koks oder KO-Tropfen in geringer Dosis, um sich in Stimmung zu bringen. Mit Crystal Meth wollte er nichts zu tun haben. Er wusste, wie gefährlich die Droge war, kannte die Vorher-Nachher-Bilder aus den Medien, auf der linken Seite normale Menschen, auf der rechten eingefallene Wracks. Dieses Mal aber hatte ein Mann Crystal mitgebracht, den Torsten mochte, dem er vertraute. Der Mann erhitzte den Kristall in einer Ölpfeife, bis sich in der Glaskugel am unteren Ende eine weiße Wolke gebildet hatte. Der Mann inhalierte den Rauch und pustete ihn Torsten in den Mund.

          Die Droge schoss Torsten so schnell ins Hirn, dass er fast ohnmächtig wurde. Alles war plötzlich klar, die Gedanken, die Welt, und alles an dem Mann neben ihm war plötzlich geil: wie er roch, schmeckte, sich anfühlte. Torsten wollte ihn absorbieren. Er hatte sofort zwei Orgasmen. Dann kam das „Craving“, so heißt die unstillbare Gier, noch mehr von der Droge zu nehmen. Torsten rauchte selbst eine Pfeife. An diesem Tag begann seine Abhängigkeit.

          Er ist ein Tier, gierig und geil

          Crystal Meth ist ein Kristall und Metamphetamin, verwandt mit Amphetaminen, Aufputschmitteln, nur viel effektiver. Es überwindet sofort die Blut-Hirn-Schranke, flutet das Gehirn, und sorgt dort für einen Dopaminausstoß, der stärker ist als bei jeder anderen Droge, selbst Heroin. Wer Alkohol trinkt und raucht, hat etwa die doppelte Menge an Glückshormonen im Gehirn als ohne die Drogen, wer kokst, die sechsfache und wer Crystal Meth nimmt, die zwölffache. Jemand, der so glücklich ist, hat keine Hemmungen mehr. Er ist ein Tier, gierig und geil.

          Torsten wohnte damals in Köln; alle sechs Wochen fuhr er nach Berlin, um auf Sexpartys zu gehen und Crystal Meth zu nehmen. Bald fing er an, zu „slammen“, sich die Droge zu spritzen. Dann ist die Wirkung noch stärker. Die Sexpartys organisierte er über soziale Netzwerke für Schwule, „PlanetRomeo“, „Scruff“ und „Grindr“. So machen es alle in der Szene. Wenn einer ein „Slammer“ ist, benutzt er bestimmte Codewörter: „Get 2 the point“, „Pointen“ oder „PnP“, für „Plug and Play“. Viele schreiben in ihre Selbstbeschreibung ein Wort mit einem großen T, zum Beispiel „FlugbegleiTer“ oder „AussTrahlung“.

          Torsten schrieb die Männer an, man verabredete sich. Meistens traf man sich zu viert, manchmal auch zu sechst. Größer werden die Gruppen selten. Einer kaufte das Crystal, die anderen brachten Geld mit. Manchmal brachte auch jeder sein eigenes Zeug mit. Ein Gramm kostet in Berlin ungefähr 150 bis 200 Euro. An der tschechischen Grenze, wo die Kristalle im großen Stil gekocht werden, kostet ein Gramm nur ungefähr 20 Euro. Ganze Landstriche in Ostdeutschland sind abhängig von der Droge.

          Torsten bekam sie bei einem Dealer aus dem Kiez. Er schickte eine Nachricht: „Kannst Du mir helfen?“ Dann trafen Sie sich an einer Straßenecke und tauschten Taschentücher aus, im einen das Geld, im anderen die Kristalle.

          Die Kollegen beneideten ihn um seine Energie

          Bald konnte Torsten nur noch Sex haben, wenn er auf der Droge war. Wer regelmäßig Tina konsumiert, für den ist normaler Geschlechtsverkehr so, wie ein Glas Wasser zu trinken. Noch war alles gut: die Wirkung der Droge und Torstens Außenwirkung. Er nahm ab, gerade soviel, dass es schien, als würde er mehr Sport treiben. Seine Ausstrahlung veränderte sich, er war vitaler, frischer. Wenn er am Montag nach drei Tagen ohne Schlaf zur Arbeit ging, arbeitete er hochkonzentriert. Die Kollegen beneideten ihn um seine Energie. Einmal wachte Torsten mitten in der Nacht auf und schaute auf seine Venen. Zwei Gedanken schossen ihm durch den Kopf: Das will ich wieder. Und: Ich habe ein Problem.

          Torsten wusste, er würde eine Therapie brauchen, um von dem Zeug loszukommen. Er schmiss seinen Job, ließ sich krankschreiben und zog nach Berlin, direkt an die Quelle. Dort gibt es viele Anlaufstellen für Menschen wie ihn, die Berliner Aidshilfe zum Beispiel oder die Schwulenberatung. Vor wenigen Tagen gründete sich außerdem „Crystal Meth Anonymus“, eine Gruppe nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker. Denn immer mehr Leute brauchen Hilfe. Zur Gesprächsgruppe zum Thema „Crystal Meth“ in der Schwulenberatung kommen inzwischen dreimal soviel Leute wie früher. Absolute Zahlen gibt es nicht, aber eins ist klar: Die Droge macht eine steile Karriere. Nicht nur auf Sexpartys, auch als Raketenantrieb in einem beschwerlichen Alltag.

          In der Gruppe erzählte Torsten anderen von seinem Problem, lösen konnte er es nicht. Irgendwann steckte er sich mit Hepatitis C an. Vielleicht hatte jemand die Nadeln vertauscht, die sie vorher immer an verschiedenen Orten ablegten, um sie nicht zu verwechseln, vielleicht hatte sich Torsten beim ungeschützten Analsex angesteckt, er weiß es nicht genau. Wenn man auf Droge ist, kommen einem die Risiken lächerlich vor. Man nimmt die erstbeste Spritze, die man bekommt, wie ein Hütchenspiel.

          Am Freitag die Spritze, bis Montag die Sexorgie

          Kurz danach kam der Absturz. Torsten hatte sich für eine Entzugskur angemeldet, aber bevor er für immer auf Crystal verzichten sollte, wollte er es richtig krachen lassen. Er ging auf eine Sexparty, blieb drei Tage auf den Beinen, hatte aber immer noch nicht genug. Torsten schrieb einen der Leute an, die bei der Party dabei gewesen waren, er kannte nur Namen und Facebookprofil. Acht Monate verschanzten sich beide in der Wohnung. Acht Monate, in denen sie das Haus nur verließen, um einzukaufen oder mit dem Hund Gassi zu gehen, acht Monate, in denen sie sich einmal die Woche Crystal spritzten. Am Freitag die Spritze, bis Montag die Sexorgie. Dann Erholung bis Freitag.

          Torsten veränderte sich. Wenn der Rausch zu Ende ging, wenn sein Körper völlig übermüdet und leergepumpt war und nur noch durch die Droge wachgehalten wurde, bemerkte er Schatten in den Augenwinkeln. Als schleiche jemand durch die Wohnung. Irgendwann fiel ihm auf, dass die Stimmen draußen vor der Tür klangen wie von guten Freunden. Als wollten sie ihn warnen, auch: ihn anklagen. Sein Partner bemerkte von all dem nichts.

          Sobald er geslammt hatte, ging es ihm bestens. Nahm er Torsten etwa auf den Arm? Sah er nicht, was hier los war, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zu ging? Torsten war sich sicher: Wenn sein Freund auf der Toilette war, nachdem er sich einen Schuss gesetzt hatte, holte er sich das Crystal Meth irgendwie wieder aus den Venen raus. Deswegen benahm er sich so anders als Torsten, so normal.

          Zweimal wollte er sich umbringen

          Kurz nachdem Torsten damit begann, Heizungen und elektrische Geräte auseinanderzubauen, weil er vermutete, dass sie nur dazu da waren, ihn zu überwachen, setzte er seinen Freund vor die Tür. Zweimal war Torsten kurz davor, sich umzubringen. Einmal lag er acht Stunden auf seinem Bett, ein Küchenmesser neben sich und überlegte, wie er es anstellen sollte. Am Ende schleppte er sich zu einem Kumpel und brach an der Türschwelle zusammen. Dieses Mal machte Torsten wirklich eine Therapie.

          Von Crystal ist er immer noch nicht weg, nimmt es aber nur noch alle vier Wochen. Das ist der Deal, den er mit einem Kumpel geschlossen hat. Mittlerweile kann er auch wieder Sex ohne harte Drogen in einem Nachtclub haben, ohne dass es fade wirkt. Im Rückblick kommen ihm manche Szenen seltsam vor, wie im Traum.

          Einmal saß er auf einer Sexparty stundenlang vor dem Rechner und schaute Pornos. Denn wer Crystal nimmt, ist zwar sexuell erregt, aber nicht sexuell leistungsfähiger.

          Es ist spät, Torsten ist ins Bett gegangen. Im „Bull Club“ ein paar Straßen von seiner Wohnung entfernt treffen sich jene Männer, die noch heute zum Ziel kommen wollen. Der Klub hat 24 Stunden geöffnet, die Fenster sind gegen das Tageslicht verrammelt, einen Türsteher gibt es nicht. Drinnen hängen zwei Bullen aus Pappmaché, es läuft Technomusik. Ein Mann mit Käppi sitzt gelangweilt auf dem Sofa. Mit „Crystal Meth“ wollen sie hier nichts zu tun haben. „Mag ich nicht“, sagt einer. Ein anderer im Darkroom schüttelt nur den Kopf. Aus einer unbestimmten Ecke kommt Gestöhne. Zwei Männer haben Analsex, ungeschützt.

          Draußen vor der Tür steht ein Dealer. „Brauchst Du was?“, fragt er. „Koka, Ecstasy, T?“

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