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Demonstrationen in Cottbus : „Wichtiger wäre das Zuhören“

Liebe statt Hass: In Cottbus demonstrierten etwa zweihundert Menschen für ein gewaltfreies Miteinander. Bild: dpa

Cottbus bekennt Farbe: Am Donnerstag haben sich Einwohner der Stadt versammelt, um für mehr Toleranz zu demonstrieren – und so ein klares Signal gegen Rechtsextremismus zu setzen.

          Schon um 17 Uhr haben sich zahlreiche Cotbuser vor dem Schillertheater der Stadt versammelt, es sind viele junge Leute und Familien mit kleinen Kindern. Manche tragen Plakate vom Landesmuseum für moderne Kunst, auf denen über dem stilisierten Gesicht eines Mannes oder einer Frau Begriffe angebracht sind, die anscheinend nicht zueinander passen. „Jude-sexy-Islamabad“ steht auf einem, „Bulle-arbeitslos-Papadopoulos“ auf einem anderen, „Berlin-Agnieszka-beschnitten-Cairo“ auf einem dritten. „Es geht darum, dass jeder Mensch ganz verschiedene Eigenschaften hat“, erklärt ein Vater seiner kleinen Tochter. Bunt gestreifte Fahnen und Luftballons in grün, blau, lila und orange sind zu sehen, auch eine Fahne der Linkspartei und eine der Grünen sind zu sehen. Cottbus will an diesem Donnerstag Farbe bekennen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Eine guten Kilometer vom Theater entfernt haben sich gut dreihundert Menschen an der Lutherkirche versammelt. Das Gotteshaus war am 15. Februar 1945 fast vollständig zerstört worden, als alliierte Bomber die Stadt angriffen. Der nahe Bahnhof lag in Schutt und Asche. Tausend Menschen kamen damals ums Leben. Seit Rechtsextremisten den Gedenktag für sich zu vereinnahmen suchten, demonstriert ein Bündnis von Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und Kirchen an diesem Datum Bürgersinn. „Cottbuser Aufbruch“ nennt es sich. In diesem Jahr ist die Demo etwas Besonderes. Denn die Stadt mit den rund 100.000 Einwohnern in der Lausitz ist in die Schlagzeilen geraten. Die Bedrohung eines deutschen Ehepaars durch drei Syrer und eine Messerattacke eines syrischen Jugendlichen auf einen deutschen Schüler haben den wachsenden Unmut über die Flüchtlinge in Cottbus verstärkt.

          Bis vor kurzem gab es in Cottbus kaum Ausländer

          Die Stadt hat Alarm geschlagen, beim Land Brandenburg Hilfe gesucht, weil sie mit den Problemen der Integration nicht mehr zu Rande komme. In Cottbus sind 8,5 Prozent der Einwohner Ausländer, die Hälfte davon sind Flüchtlinge, die meisten sind in den vergangenen zwei Jahren gekommen. Der Anteil scheint im Vergleich zu vielen westdeutschen Städten nicht hoch, doch bis vor kurzem gab es kaum Ausländer, danach nur die Gaststudenten der Technischen Universität. Die Stadt, an Wachstum und damit an Einwohnern interessiert, gab den Flüchtlingen Wohnraum, immer mehr zogen nach. Nun wurde ein Zuzugsstopp verhängt, mehr Polizei und mehr Sozialarbeiter sollen die Lage in den Griff kriegen. Durch die jüngsten Konflikte erhielten die Demonstrationen des rechten Vereins „Zukunft Heimat“ Zulauf, der mit der AfD, Pegida und der Identitären Bewegung vernetzt ist.

          Kurz vor halb sechs setzt sich der Zug von der Lutherkirche in Bewegung. Er ist Teil eines Sternmarsches aus vier Richtungen. Vorneweg hinter dem Transparent des „Cottbuser Aufbruchs“ läuft der CDU-Landesvorsitzende Ingo Senftleben, auch seine Partei hat zu der Demo aufgerufen. Zwei Männer tragen kleine Wimpel des Energieunternehmens Leag, es ist der größte Arbeitgeber in der Braunkohleregion. Die Junge Gemeinde der Lutherkirche singt Lieder auf Deutsch und Englisch. Auch zwei Diakonissen laufen mit. „Suche Frieden und jage ihm nach. Psalm 34,15“, hat eine Frau auf Deutsch und auf Niedersorbisch auf ein Pappplakat geschrieben. Es ist eine Pfarrerin aus einem Dorf in der Nähe. Über ihre Haltung zu den Flüchtlingen sprächen die Leute im Dorf kaum mit ihr, erzählt sie. „Die wissen, dass ich anderer Meinung bin.“ Manche sagten: Wer hat denn für uns nach der Wende Arbeit und Wohnung gesucht? „Integriert doch erst mal uns“, habe einer gesagt.

          Gegen 18 Uhr treffen die Demonstranten aus allen Richtungen am Oberkirchplatz ein – dort, wo zuletzt „Zukunft Heimat“ demonstrierte. Viele werden nun sprechen. „Wichtiger wäre das Zuhören“, sagt die Pfarrerin. Ihr Chef Markus Dröge ist gekommen, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, wie die Landeskirche heißt. Dröge nennt Cottbus eine attraktive Stadt, die eben für Flüchtlinge anziehend sei. Die seien bedroht worden und hätten selbst andere bedroht. Doch sei es falsch, Angst mit Angstschüren zu beantworten, Hass mit Hass. Das Land sei stark, weil es weltoffen, demokratisch und menschenfreundlich sei. „Das ist unsere Heimat, und diese Heimat lassen wir uns nicht nehmen.“ Schon einmal habe man erlebt, wozu die Vergötterung der eigenen Nation führe, sagt der Bischof.

          Den politischen Rändern das Wasser abgraben

          Er sei stolz darauf, dass sich so viele Menschen für die Flüchtlinge engagiert hätten, sagt Oberbürgermeister Holger Kelch von der CDU. „Wir sind nicht gespalten, wir sind vereint.“ Kelch hatte die Lage in der Stadt dramatisch beschrieben und der Landesregierung in Potsdam vorgeworfen, sie habe im vergangenen Jahr nicht auf Hilferufe reagiert. Über seine eigene Verantwortung hatte Kelch geschwiegen. „Wir sind viel mehr geeint auch mit dem Land Brandenburg“, sagt der Oberbürgermeister nun. Die beschlossenen Maßnahmen würden greifen. Man werde zeigen, dass der Rechtsstaat funktioniere, so den politischen Rändern das Wasser abgraben. Dann spricht Ministerpräsident Dietmar Woidke von der SPD. In seiner Partei erzählt man, die Landesregierung habe im Sommer kritisch nachgefragt, ob Cottbus mit den vielen Flüchtlingen zurechtkomme. Das sei bejaht worden. „Wir lassen uns den Ruf der Stadt nicht kaputtmachen“, sagt Woidke nun. Von dieser Demonstration gehe ein klares Signal gegen Rechtsextremismus aus. Die Rechtsextremisten, so sagt Anna Spangenberg vom Verein „Tolerantes Brandenburg“, wollten die Regierung stürzen. „Und Cottbus soll der Anfang sein.“ Sie glaubten, dass sie für die schweigende Mehrheit sprächen. „Diesen Glauben müssen wir ihnen nehmen.“

          Ein junger Rapper singt von seiner Generation, die gegen Apartheid und Ausländerhass sei. „Denke weit, denke breit, denn du bist ein Mensch.“ Es ist ein fröhlicher Abend. Etwa 1500 Menschen sind gekommen. Bei der vergangenen Demo von „Zukunft Heimat“ waren es 2600. In einer Woche will der Verein wieder für seine Sache demonstrieren.

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