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Schein und Wirklichkeit : Werden die Intensivbetten reichen?

Intensivbetten im temporären Corona-Behandlungszentrum auf dem Berliner Messegelände Bild: dpa

Noch gibt es genug freie Kapazitäten in den Krankenhäusern. Dennoch droht es eng für Corona-Patienten zu werden. Schon bald könnte die Zahl der belegten Intensivbetten doppelt so hoch sein wie zu Spitzenzeiten der ersten Welle.

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          In Berlin sind nur noch 156 Intensivbetten frei. In Anbetracht dessen, dass die meisten Corona-Infizierten mit einem schweren Verlauf erst zehn Tage nach der Ansteckung auf die Intensivstation kommen, sind das düstere Aussichten nicht nur für die Hauptstadt. Nur mit einer drastisch gesenkten Reproduktionszahl während des Teil-Lockdowns lässt sich noch eine Überlastung der Intensivstationen abwenden, darin sind sich Intensivmediziner und Simulationsforscher einig. Denn allein in den vergangenen beiden Wochen ist die Anzahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen um 60 Prozent gestiegen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Selbst wenn es gelänge, die Reproduktionszahl (derzeit über 1,43) auf 0,6 zu senken, müsste für Mitte November und Anfang Dezember mit einem weiteren starken Anstieg der Intensivpatienten gerechnet werden, weil sich die wachsenden Infektionszahlen immer erst mit einigen Wochen Verzögerung auf den Intensivstationen zeigen.

          Im Unterschied zum Frühjahr fehlt es jetzt zwar nicht an Masken und Beatmungsgeräten, wohl aber am dringend benötigten Pflegepersonal. Hinzu kommt, dass das verfügbare Personal immer häufiger infiziert oder in Quarantäne ist. Ein beatmeter Covid-19-Patient braucht allein fünf Krankenpfleger. Bisher hatten sich Politik und Öffentlichkeit auf das Intensivbettenregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) verlassen, das im April vom Gesundheitsministerium verpflichtend eingeführt wurde und alle freien, betreibbaren Intensivbetten meldet.

          Kollaps in vielen Krankenhäusern befürchtet

          Ende vergangener Woche waren laut Divi noch 7500 Betten verfügbar. Das klingt nur auf den ersten Blick entlastend. Der Sprecher des Divi-Registers, Christian Karagiannidis, sagt allerdings: „Wir wiegen uns bei der Zahl der freien Intensivbetten in falscher Sicherheit.“ Einigen Geschäftsführern sei nicht klar, welche große gesellschaftliche Verantwortung sie mit dieser Meldung trügen, sagte er der „Welt am Sonntag“.

          Es gibt deshalb einen neuen Hinweis im Datenregister: Künftig sollen nur noch Betten gemeldet werden, für die es auch tatsächlich Pflegekräfte gibt. „Daraufhin ist die Bettenzahl schlagartig um tausend runtergegangen“, stellt der Sprecher des Divi fest. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) befürchtet einen Kollaps in vielen der 1900 Krankenhäuser, wenn die Infektionszahlen nicht rasch gesenkt werden können.

          Bund und Länder haben sich deshalb darauf geeinigt, dass Covid-19-Patienten, die intensivmedizinisch versorgt werden müssen, unter den Ländern verteilt werden. Sollte sich eine Lage entwickeln, „die eine Verlegung über die Nachbarländer beziehungsweise angrenzende Regionen erforderlich macht, findet ein sogenanntes Kleeblattprinzip Anwendung“, heißt es in einem Papier des Bundesinnenministeriums, das in den Zeitungen der Funke Mediengruppe zitiert wird.

          Die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci, sagte dazu, der Patiententransport werde über zentral eingerichtete Stellen in den Regionen in aufnahmefähige Regionen organisiert. Im Norden haben sich dazu Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zusammengeschlossen. Im Osten sind es Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Im Südwesten wollen sich Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland gegenseitig unterstützen. Die bevölkerungsreichsten Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern bilden jeweils eigene Regionen.

          „Mit unseren Simulationen mussten wir leider feststellen, dass unabhängig davon, wie stark man ab jetzt die weitere Ausbreitung des Coronavirus stoppen kann, im Dezember mindestens doppelt so viele Intensivbetten belegt sein werden wie zu Spitzenzeiten der ersten Welle“, sagt Thorsten Lehr, der Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes lehrt. Gemeinsam mit seinem Team und Forscherkollegen hat er das mathematische Modell für den Online-Simulator entwickelt, das auf der Basis umfangreicher Daten präzise Ergebnisse für das gesamte Bundesgebiet liefert. Selbst wenn es gelänge, den R-Wert wieder auf 0,6 zu drücken, werde ein Monat nicht ausreichen, um das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen.

          Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, warnte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) davor, das Prinzip der Kontaktverfolgung aufzugeben, weil das einer Kapitulation vor dem Virus gleichkomme. Hilfe durch die Bundeswehr und andere Verwaltungsangestellte hält er für dringend nötig.

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