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Corona-Epidemie : Die Welt wappnet sich

Ein Mikrobiologe führt einen PCR-Test durch. Bild: AP

Gesundheitsminister Jens Spahn warnt davor, das Coronavirus auf die leichte Schulter zu nehmen und begründet die Exportverbote für Schutzkleidung. In der ambulanten Pflege könnte es zu Problemen kommen. In Italien steigt die Zahl der Toten rasant, und Israel schottet sich ab.

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          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Bevölkerung darauf vorbereitet, dass sich auch in Deutschland immer mehr Personen mit dem neuartigen Coronavirus anstecken werden. „Fest steht: Der Höhepunkt der Ausbreitung ist noch nicht erreicht“, sagte Spahn am Mittwoch in einer Regierungserklärung im Bundestag. Aus der Epidemie in China sei eine weltweite Pandemie geworden. In Europa seien mehr als 3000 Infektionsfälle bekannt, in Deutschland rund 260, die Mehrzahl in Nordrhein-Westfalen.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Es gebe auch gute Nachrichten, etwa dass in den vergangenen zwei Wochen in aller Welt mehr registrierte Patienten genesen seien, als sich neu infiziert hätten. Der Erreger sei nach allem, was man heute wisse, weniger ansteckend als die Masern. Auch verlaufe die Krankheit zumeist milde oder ganz symptomfrei. Noch aber könne man keine abschließenden Einschätzungen treffen. Deshalb gelte: „Wir nehmen die Situation sehr ernst.“

          Unter dem Beifall der Abgeordneten dankte Spahn dem medizinischen Personal, den Wissenschaftlern und anderen Helfern und äußerte großes Vertrauen in sie. Er gestand aber auch zu, dass es noch Mängel in der Versorgung gebe. „Es dauert teilweise noch zu lange, bis Verdachtsfälle getestet werden.“ Man versuche weiterhin, die Ausbreitung des Virus zu unterbinden, müsse sich aber auf eine „mögliche nächste Stufe“ vorbereiten. Diese bestehe darin, die medizinischen Kapazitäten auf Patienten mit schweren Krankheitsverläufen zu konzentrieren. Das könne im System zu „Stress“ führen und dazu, dass planbare Operationen an anderen Patienten verschoben werden müssten.

          Spahn erinnerte aber auch daran, dass die Symptome der Erkrankung – etwa Lungenentzündungen – in Deutschland „jeden Tag“ behandelt würden und dass das Gesundheitswesen während der großen Grippewellen 2017 und 2018 neun Millionen zusätzliche Arztbesuche bewältigt habe.

          Spahn warb für Verständnis dafür, dass es zu Einschränkungen im Alltag komme, dass es Quarantänefälle gebe, dass Großveranstaltungen ausfielen und öffentliche Einrichtungen geschlossen würden: „Die Sicherheit der Bevölkerung geht im Zweifel vor, auch vor wirtschaftlichen Interessen.“ Falsch sei es, in Panik zu geraten; verwerflich sei es, diese noch zu schüren, etwa aus gewerblichen Interessen, um überteuerte Schutzmasken zu verkaufen. „Die Folgen der Angst können größer sein als die des Virus selbst“, warnte der Minister. Die Sorge der Menschen, die sich zum Beispiel in Hamsterkäufen geäußert habe, sei zwar verständlich, doch zeigten die meisten glücklicherweise Besonnenheit: „Mit kühlem Kopf können wir die Herausforderungen am besten bewältigen.“

          Wichtig und richtig sei es, dass Bund, Länder und Kommunen eng zusammenarbeiteten und dass es eine internationale Abstimmung gebe, auf europäischer Ebene genauso wie unter den sieben größten Industrienationen. Dafür traf sich Spahn nach der Bundestagssitzung mit den Gesundheitsministern der Länder; an diesem Donnerstag tagt in Brüssel der Ministerrat. Um Engpässen in den Arztpraxen, Krankenhäusern und Behörden entgegenzutreten, hat der Krisenstab des Innen- und des Gesundheitsministeriums am Dienstag eine Ausfuhrbeschränkung für medizinische Schutzausrüstung verhängt, insbesondere für Schutzkleidung und Masken. Spahns Haus wird diese jetzt zentral beschaffen und bevorraten. Der Minister verwies darauf, dass der Engpass auch daran liege, dass in China teilweise die Produktion stillstehe.

          Die Medizinerin Susanne Johna, die Vorstandsvorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, begrüßte die Maßnahmen des Krisenstabs. Es sei höchste Zeit, die Dringlichkeit der Lage richtig einzuschätzen: „Wenn wir keinen ausreichenden Schutz für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen haben, fällt es schwer, die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten“, sagte Johna dieser Zeitung.

          Die Deutsche Krankenhausgesellschaft äußerte sich positiv zu Spahns Ankündigung, die Pflegepersonaluntergrenzen außer Kraft zu setzen. Bei der ambulanten Pflege deutet sich unterdessen ein möglicher Versorgungsengpass an. Dieser könnte die Betreuung von Pflegebedürftigen betreffen, die wegen einer Infektion oder eines entsprechenden Verdachts unter häusliche Quarantäne gestellt werden.

          Nach Informationen dieser Zeitung fehlt es bei manchen Pflegediensten an der nötigen Schutzkleidung für Pfleger. Man glaube nicht, dass Pflegedienste sich in solchen Fällen „so einfach aus der Verantwortung stehlen“ könnten, hieß es beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Wie eine Lösung für Betroffene aussieht, ist allerdings unklar. Die Pflegebedürftigen in Heime und Krankenhäuser einzuweisen sei „die schlechteste Variante“, hieß es. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste bestätigte, dass die Pflegedienste über Notfallpläne verfügen. Demnach müssten den Pflegern die „erforderlichen Schutzmaßnahmen zur Verfügung gestellt werden“, sagte ein Sprecher des Verbands. „Allerdings ist Voraussetzung, dass diese auch verfügbar am Markt sind.“

          Erstmals sind am Mittwoch zwei Infektionsfälle in den EU-Institutionen bestätigt worden. Betroffen ist zum einen ein Beamter der Europäischen Verteidigungsagentur in Brüssel. Dieser sei am 23. Februar von einer Italienreise zurückgekommen, teilte eine Sprecherin mit. Er habe vermutlich einen Mitarbeiter des EU-Ministerrats angesteckt. Dieser arbeitet in dem Gebäude, in dem sich die Minister der EU-Staaten treffen. Es sei aber nicht vorgesehen, deshalb in den kommenden Tagen Ministertreffen abzusagen, teilte das Generalsekretariat des Ministerrats mit.

          Fußballspiele in Italien vor leeren Rängen

          Die italienische Regierung hat unterdessen beschlossen, dass alle Bildungseinrichtungen würden von diesem Donnerstag an bis zunächst zum 15. März geschlossen. Das bestätigte Schulministerin Lucia Azzolina am Mittwochabend. Davon sind landesweit knapp neun Millionen Kleinkinder, Schüler und Studenten sowie deren Familien betroffen. In den besonders von der Epidemie betroffenen Regionen im Norden des Landes sind Kindergärten, Schulen und Hochschulen schon seit der letzten Februarwoche geschlossen.

          Sportminister Vincenzo Spadafora sagte, dass sämtliche Spiele der ersten Fußballliga bis auf weiteres hinter verschlossenen Türen ausgetragen würden. Die für Mittwoch und Donnerstag angesetzten Rückspiele der Halbfinalbegegnungen im Pokal zwischen Juventus Turin und AC Milan sowie zwischen Neapel und Inter Mailand wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.

          Auch andere Sportveranstaltungen sollen für mindestens einen Monat ohne Zuschauerbeteiligung stattfinden. Italien ist das am schwersten von der Virus-Epidemie betroffene Land Europas. Die Zahl der Infizierten wurde von den Behörden am Mittwochnachmittag mit rund 2500 angegeben, mehr als 100 Menschen starben an der durch das Virus verursachten Lungenkrankheit. In den Nordregionen wurden Kliniken angewiesen, Operationen möglichst aufzuschieben, um Betten in isolierten Intensivstationen bereitzustellen.

          Israel schränkt Einreisen ein

          Israel verbietet wegen des Coronavirus nun auch Einreisen aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Österreich und der Schweiz. Seit Tagen verweigert Israel bereits Besuchern aus Italien, China, Japan, Südkorea, Hongkong, Macau, Thailand und Singapur die Einreise. Nur Menschen mit israelischem Personalausweis sowie Ausländern, die eine Möglichkeit nachweisen können, sich in Israel in Quarantäne zu begeben, soll die Einreise aus diesen Ländern weiter erlaubt sein.

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          Diese Maßnahme werde in den kommenden Tagen in Kraft treten, teilte das israelische Gesundheitsministerium am Mittwoch mit. Der amtierende Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, aus diesen Ländern wieder einreisende Israelis müssten sich für 14 Tage in Quarantäne begeben. „Wir befinden uns mitten in einer weltweiten Epidemie, die vielleicht die gefährlichste des Jahrhunderts ist“, sagte Netanjahu in Jerusalem. In Israel gibt es bislang 15 Infizierte, doch sind keine Todesfälle bekannt.

          Netanjahu wies die Israelis an, sich nicht mehr die Hände zu geben. Die Behörden verbieten Versammlungen von mehr als fünftausend Menschen, der Jerusalemer Marathon und alle internationalen Konferenzen werden abgesagt. Der kleine Flächenstaat Israel mit seinen neun Millionen Einwohnern wurde vergangenes Jahr von rund vier Millionen Touristen besucht, der Besucherstrom hat die Sorgen vor einer raschen Verbreitung des Coronavirus vergrößert.

          Der stellvertretende Direktor des Gesundheitsministeriums Itamar Grotto äußerte indes, dass es noch keine Israelis gebe, die sich nicht im Ausland angesteckt hätten. Gleichwohl sei eine Ausbreitung des Virus in Israel unabwendbar, das Gesundheitsministerium könne derzeit die Ausbreitung nur verzögern. Berichten zufolge plant die Fluggesellschaft El Al wegen Umsatzeinbußen, Hunderte Mitarbeiter zu entlassen.

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