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Zahlen in der Pandemie : Das sagen die Daten über das Infektionsgeschehen aus

Überbringer der schlechten Nachrichten: RKI-Chef Lothar Wieler am Donnerstag Bild: Reuters

Die Corona-Zahlen erreichen Tag auf Tag neue Höchstwerte. Doch was unterscheidet die aktuelle Situation von der des Frühjahrs? Und welche Entwicklungen lassen sich aus den Daten ablesen?

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          Während das Land wieder mit immer neuen Höchstwerten der täglichen Corona-Infektionen konfrontiert wird, stellt sich wie schon zu Beginn der Pandemie die Frage nach der angemessenen Interpretation dieser Zahlen. Deren Entwicklung, so viel scheint klar, gibt Anlass zu großer Sorge: Da jeder Neuinfizierte weitere Ansteckungen verursachen kann, steigen die Zahlen immer schneller, solange die Ausbreitung nicht effektiv durch umfangreiche Testung und Kontaktverfolgung eingedämmt werden kann.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Solch exponentielles Wachstum kennt man aus der Biologie. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder nannte am Mittwoch als Beispiel einen Teich, dessen Seerosenteppich seine Fläche jeden Tag verdoppelt. Die Entwicklung dieses exponentiellen Wachstums läuft unseren Intuitionen entgegen: Wenn der Teich nach 47 Tagen halb zugewachsen ist, dann ist er bereits am Folgetag vollständig bedeckt. Die Ausbreitung der Seerosen beschleunigt sich massiv. Die Mechanismen exponentiellen Verhaltens wurden bereits im Frühjahr ausgiebig diskutiert. Wir sehen dieses sich beschleunigende Wachstum aktuell in den Fallzahlen.

          Um diese Zahlen richtig zu lesen, benötigt man dennoch mehr Informationen. Zunächst stellt sich die Frage, inwiefern die aktuelle Testpraxis die Zahlen bestimmt. Im Vergleich zum Frühjahr ist dieser Effekt sicher ausschlaggebend. Zwischen März und Juni schwankten die Tests pro Woche um die Zahl von 400.000, seit Ende August zwischen 1,1 und 1,2 Millionen. Das hat dazu geführt, dass im Zuge der ausgeweiteten Testung vermehrt auch milde Fälle gefunden wurden und die aktuellen Zahlen mit denen im Frühjahr nur eingeschränkt vergleichbar sind.

          Der aktuelle Anstieg aber erfolgt bei seit Wochen etwa gleichbleibenden Testkapazitäten und scheint daher ein tatsächliches Wachstum der Infektionszahlen abzubilden. Das wird auch durch die Positivquote der Tests unterstrichen, die seit Anfang September stetig gewachsen ist: von anfänglich 0,7 Prozent auf 3,6 Prozent in der vergangenen Woche. Diese Quote gibt Anhaltspunkte dafür, inwiefern die Testkapazitäten dem tatsächlichen Ausbruchsgeschehen gewachsen sind. In Ländern, in denen ein Ausbruch außer Kontrolle ist und viele Fälle unentdeckt bleiben, zeigt sich dies in hohen Werten wie aktuell etwa in der Tschechischen Republik, wo mehr als jeder vierte Test positiv ausfällt.

          Zentral wichtig für die Einordnung der Zahlen ist darüber hinaus die Altersverteilung der Infizierten, denn die bestimmt die zu erwartende Zahl schwerer Verläufe. Die vom Robert Koch-Institut (RKI) erhobene Entwicklung der demographischen Verteilung der Infektionen zeigt zum einen, dass die besonders gefährdete Gruppe der über Sechzigjährigen während des Sommers gut geschützt werden konnte. Dass sich mit dieser Tatsache erklären lässt, warum der abermalige Anstieg der Fallzahlen zunächst nicht durch ein entsprechendes Wachstum der Zahl von Todesfällen begleitet wurde, legen auch neue Berechnungen von Wissenschaftlern um Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation nahe.

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          Seit Ende September werden nun aber auch in der älteren Bevölkerung deutlich steigende Infektionszahlen gemeldet. Diese Infektionsfälle werden erst mit mehrwöchiger Verzögerung auf den Intensivstationen und in den Verstorbenenzahlen sichtbar werden. Diese demographischen Daten zeigen aber: Die Strategie einer gezielten Abschottung besonders gefährdeter Bürger von einem sich in anderen Altersgruppen ausweitenden Infektionsgeschehen hat offenbar Grenzen.

          Schließlich sind für die Einordnung der Zahlen Informationen über die Orte der jeweiligen Ausbrüche interessant, die das RKI nun regelmäßig bereitstellt. Im Rahmen der Unsicherheiten ist ein deutlicher Trend erkennbar: Wenn die Daten im Jahresverlauf betrachtet werden, hat der Anteil der im privaten Kontext erfolgten Ansteckungen stark zugenommen. Dieser Trend hat zwei Lesarten. Die negative: Es gibt einen größeren Anteil von Ansteckungen, die sich relativ schlecht kontrollieren lassen. Die positive: Dies sind gleichzeitig diejenigen Übertragungen, die sich durch verantwortungsbewusstes Handeln jedes Einzelnen am einfachsten verhindern lassen.

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