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Jasper von Altenbockum (kum.)

Nötige Corona-Verschärfungen : Zurück auf Los

Elektrische Weihnachtskerzen und ein Corona-Warnhinweis hinter der Scheibe eines Ladenlokals in Köln. Bild: dpa

Je gemäßigter der Lockdown, desto mehr Vernunft braucht es zur Disziplin. Diese Strategie ist gescheitert. Denn staatsbürgerliche Vernunft ist nur in Traktaten pandemiegerecht verbreitet.

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          Um die Maßstäbe vorweg zurechtzurücken: Einen Lockdown hat es in Deutschland seit Beginn der Pandemie nicht gegeben. Auch das, was Ministerpräsident Markus Söder jüngst in Bayern verordnet hat, ist kein Lockdown, genauso wenig, wie Sachsen nun gar einen „harten Lockdown“ vor sich hat, wie ihn Michael Kretschmer am Dienstag verkündete.

          Es sind allesamt halbe oder Dreiviertel-Lockdowns, die nur dann „hart“ wären, wenn eine komplette Ausgangssperre rund um die Uhr verhängt würde – mit allen Folgen für das öffentliche Leben. Das sollte man sich in Erinnerung rufen, wenn nun in Teilen Deutschlands wieder Zustände herrschen werden wie im Frühjahr und von unzumutbaren Einschränkungen der Grundrechte die Rede sein wird.

          Vergessen sind die Schwüre von damals

          Aber immerhin: Vergessen sind die Schwüre von damals, dass die Schulen in einer „zweiten Welle“ offen gehalten würden und dass es völlig unnötig sei, Geschäfte zu schließen. Sachsen zeigt, dass es anders kommt, und es dürfte nicht das einzige Land bleiben, für das gilt: Zurück auf Los. Als einzige Richtmarke ragt aus der reumütigen Rückkehr zu den Maßnahmen des Frühjahrs die föderale Beweglichkeit heraus, die gewährleistet, dass nicht die Holsteiner dafür büßen müssen, dass im Erzgebirge die Lage außer Kontrolle geraten ist.

          Dass es so weit kam, liegt daran, dass halbe Lockdowns dazu verleiten, nicht nach Regeln, sondern nach Lust und Laune zu handeln. Je weniger Lockdown, desto mehr Vernunft braucht es, um sich im Sinne des Gemeinwohls zu disziplinieren. Diese staatsbürgerliche Vernunft gibt es so weitverbreitet, wie zu wünschen wäre, aber nur in Traktaten.

          Weihnachten wird deshalb nicht ohne schärfere Regeln gefeiert werden können, wie sie etwa in Thüringen schon jetzt gelten. Das hat auch damit zu tun, dass ein Riesen-Bohei um Schulen, aber kaum Aufhebens um die Mängel bei der Versorgung von Alten- und Pflegeheimen gemacht wurde. Ironie der Geschichte: Der vielgeschmähte Boris Palmer in Tübingen hat da Mustergültiges vorzuweisen.

          In vielen anderen Gegenden Deutschlands dagegen liegt in diesem Jahr unterm Tannenbaum nur ein Gutschein für den Impfstoff.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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