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Corona und Djokovic : Wenn Millionäre spielen dürfen, Kinder aber nicht

Bild: Reuters

Regeln gelten ebenso wie Ausnahmen. Niemand, auch keine Gruppe oder Institution, sollte zum Sündenbock in der Not gemacht werden, die alle bewältigen müssen.

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          Die Pandemie bringt zum Vorschein, was sonst verborgen bleibt. Im Guten wie im Schlechten. Das Coronavirus ist ein Gleichmacher – denn es kennt keine Grenzen, weder nationale noch menschliche. Es schafft und vertieft aber auch Ungleichheit: zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, Amateur und Profi. Die Pandemie stellt gerade freiheitliche Gesellschaften vor große Herausforderungen, weil sie zur Gefahrenabwehr zu harten Maßnahmen greifen (müssen), die Emotionen hochkochen lassen und Institutionen bedrohen, die wiederum vor allem von Akzeptanz leben.

          Es ist eine Gratwanderung zwischen dem selbstverständlichen Grundsatz „So viel Freiheit wie möglich“ und der ebenfalls mit Recht eingeforderten Pflicht des Staates, seine Bürger zu schützen. Und all das soll natürlich gerecht zugehen.

          Der Streit um die Einreise des Tennis-Weltranglistenersten zum Grand-Slam-Turnier nach Australien verdeutlicht die aufgeheizte Lage. So verteidigte der Premierminister die Entscheidung seiner Regierung, trotz einer anderslautenden richterlichen Entscheidung den Sport-Star doch noch des Landes zu verweisen. Er berief sich auf die Australier, auf das Volk also, das während der Pandemie viele Opfer gebracht habe und zu Recht erwarte, dass das Ergebnis dieser Entbehrungen geschützt werde.

          Offenkundig ist der Druck auf die Regierung, die für rigide Anti-Corona-Maßnahmen steht, sehr groß. Da darf niemand als gleicher als die anderen erscheinen – auch wenn er womöglich eine zulässige Ausnahme von der Regel darstellt.

          Wie auch immer der Fall ausgeht: Er erinnert an Ungleichheit, die gerade in der Not besonders begründet werden muss: wenn Millionäre spielen dürfen, Kinder aber nicht; wenn Sport mehr darf als Theater, wenn zwischen vermeintlicher Hochkultur und anderen Vergnügungen unterschieden wird. Regeln gelten ebenso wie festgelegte Ausnahmen. Niemand, auch keine Gruppe oder Institution, sollte zum Sündenbock in einer Notlage gemacht werden, die alle gemeinsam bewältigen müssen.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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