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Studie nimmt Bedenken : Schulen sind kein Treiber der Pandemie

Eine Schülerin einer Gesamtschule in Münster sitzt mit Mund-Nasen-Bedeckung am Tisch und schreibt. Bild: dpa

Das Infektionsrisiko in Schulen ist deutlich niedriger als im häuslichen Umfeld. Das belegt eine Studie im Auftrag der Kultusministerkonferenz. Schließungen dürfe es also nur im absoluten Notfall geben.

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          Regionen mit einer durchgängigen Maskenpflicht in Schulen haben deutlich niedrigere Infektionszahlen als andere. Die Masken während des Unterrichts gehören nach einer Studie der Universität Köln und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) zu den wirksamsten Mitteln, Infektionen zu verhindern. Dazu gehörten auch die Teststrategien in den Schulen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Insgesamt hätten Schulen eine regulierende Funktion für das Infektionsrisiko, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Jörg Dötsch, während der Vorstellung der Studie am Mittwoch. Er plädierte dringend dafür, den Schulbetrieb während der gesamten vierten Welle aufrechtzuerhalten, weil die psychischen, sozialen und körperlichen Folgen von Schulschließungen enorm seien. Depressionen, Angststörungen, Adipositas und Essstörungen wie Anorexie hätten in hohem Maße zugenommen.

          131.000 Schüler sind in Quarantäne

          Die Studie, an der er maßgeblich beteiligt war, bestätigt, dass die Ansteckung bei Kindern und Jugendlichen eher nicht in den Schulen, sondern vor allem im familiären Umfeld ihren Ursprung haben. Die Schulen trügen dazu bei, Infektionen bei Kindern zu kontrollieren – vor allem das regelmäßige Testen, das Maskentragen und die Hygienemaßnahmen seien dabei ausschlaggebend. Dötsch begrüßte die klare Absage der Ampel-Parteien an nochmalige Schulschließungen. Es sei zu hoffen, dass sie sich auch dann noch daran erinnerten, wenn sich die Lage weiter verschärfe und weitergehende Maßnahmen notwendig werden sollten. Schulschließungen seien nur noch dann unabwendbar, wenn alle Kontakte eingeschränkt und das gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben stillgelegt werden müssen, also im Falle eines umfassenden Lockdowns.

          Für die retrospektive Studie, die im vergangenen Jahr von der KMK in Auftrag gegeben wurde, wurden in einem ersten Schritt sämtliche verfügbaren Veröffentlichungen zum Infektionsgeschehen in Schulen in einem „Umbrella Review“ gesichtet und ausgewertet. In einem zweiten Schritt gemeinsam mit den Epidemiologen Berit Lange und Gérard Krause vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung wurden regelmäßige Berichte über Covid-19-Ansteckungen in Schulen verfasst. Die Länder meldeten dafür Daten aus den Landkreisen. In einem dritten Schritt wurden die Übertragungswege vom März 2020 bis zum August 2021 betrachtet.

          Das Infektionsrisiko für Schüler lag selten oberhalb des Bevölkerungsrisikos und ging während der dritten Welle noch einmal erheblich zurück. Zu Beginn der zweiten und dritten Welle fiel vor allem das hohe Infektionsrisiko von Lehrern auf. Es war deutlich höher als in der vergleichbaren Altersgruppe der Gesamtbevölkerung. Im Verlauf der dritten Welle hatten die Lehrer dann wegen der ausgeweiteten Impfmöglichkeiten kein höheres Risiko mehr zu erkranken als die übrige Bevölkerung. Während die Ansteckungsraten in den Haushalten aufgrund der Delta-Variante deutlich angestiegen seien, konnten sie in den Schulen weitgehend konstant gehalten werden.

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          Dötsch führt diesen Befund auf die strikten Hygienemaßnahmen und den Infektionsschutz in den Schulen zurück. Vorübergehende Lockerungen der Maskenpflicht in einigen Landkreisen hätten sich sofort in den Infektionszahlen niedergeschlagen und seien deshalb von den zuständigen Ministerien wieder zurückgenommen worden. Nach den Sommerferien habe es etwa in Nordrhein-Westfalen auffallend viele aus den Ferien infizierte Schüler gegeben, die aber durch die regelmäßigen Testungen rechtzeitig entdeckt worden seien. Innerhalb weniger Wochen seien die Infektionszahlen gesenkt worden.

          Der Omikron-Variante sehen die beiden Forscher durchaus mit Bedenken entgegen, weil sie so ansteckend ist und die Infektionszahlen so schnell verdoppelt, dass kaum Reaktionszeit für wirksame Maßnahmen bleibt. Auch die Länder sehen dem Schulbetrieb im neuen Jahr mit Nervosität entgegen. Sie wollen die Schulen so lange es irgend geht offen halten.

          Derzeit sinkt die Anzahl infizierter Schüler, sie wird mit 96 000 beziffert, in der Vorwoche waren es 103.000. 131.000 Schüler sind in Quarantäne. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa elf Millionen Schüler, dazu 40.000 Schüler an Berufsschulen. An etwa 1500 Schulen gibt es Einschränkungen, 53 sind geschlossen (in der Vorwoche waren es noch 86). Von den etwa 900.000 Lehrern sind 6700 infiziert, 3400 sind in Quarantäne.

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