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Firmen stellen Produktion um : Schutzmasken statt Unterwäsche

Masken statt T-Shirts: Auch das Unternehmen Trigema ist in die Produktion eingestiegen. Bild: dpa

Viele Unternehmen in Baden-Württemberg haben ihre Produktion umgestellt und fertigen jetzt Schutzmasken. Wer von ihnen profitiert, bleibt eine hochpolitische Frage.

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          Noch vor drei Wochen behaupteten Virologen und Politiker, das Tragen von OP-Masken aus Stoff oder Papier sei in Deutschland gesellschaftlich nicht durchsetzbar und zum Schutz vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 wenig nützlich. Doch die Ablehnungsfront bröckelt täglich. Jede Maßnahme, die eine zusätzliche Infektion verhindern kann, ist bei Medizinern und Gesundheitspolitikern mittlerweile willkommen. Klaus Reinhardt, der Präsident der deutschen Ärztekammer, gab kürzlich folgenden Rat: „Besorgen Sie sich einfache Schutzmasken, oder basteln Sie sich selbst welche, und tragen Sie diese im öffentlichen Raum.“ Auch wenn diese nicht perfekt seien, so seien sie doch „besser als nichts“.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Kaum ein deutscher Textilhersteller weigerte sich, die Herausforderung anzunehmen und die Produktion umzustellen. Schnell reagierten etwa Wolfgang Grupp und Matthias Mey, zwei Hersteller auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg, auf die Nachfrage nach Mundschutz. Daimler, BMW und Audi spendeten Atemschutzmasken, die sie in der Produktion nicht benötigen. Viele Landräte wandten sich schon vor Wochen verzweifelt an die Ministerien sowie die Industrie- und Handelskammern, weil der Markt für OP-Masken, Beatmungsgeräte und mittlerweile auch Infusionspumpen leer gefegt ist. „Wir haben Anfragen von Kliniken, Großhändlern, Landesregierungen, Feuerwehren, oder Gemeinden bekommen. Mehr als 100.000 Mundschutz-Masken sind bereits bestellt“, sagt Wolfgang Grupp.

          In der Not können die Kliniken nicht pingelig sein

          Eine Zertifizierung für das neue Produkt gebe es noch nicht, der bei 95 Grad waschbare Trigema-Mundschutz sei aber von Kliniken und Pflegeheimen getestet worden. In der Not können selbst Kliniken nicht pingelig sein; alles, was helfen könnte, die Pandemie einzudämmen, ist willkommen. In der heutigen Telefonschaltkonferenz der Landesgesundheitsminister mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wurde die Schutzwirkung derartiger Einfachmasken zwischen OP-Masken und FFP-2-Masken eingestuft.

          Grupp produziert in Burladingen im Zollernalbkreis. Die dortige Kreisklinik mit zwei Standorten und rund 300 Betten war über Grupps Angebot dankbar und bestellte sofort. „Der Stoff ist nicht so dicht, er erfüllt ganz sicher auch nicht Kriterien einer Maske nach FFP-2-Standard, der Mundschutz mindert aber die Weitergabe des Virus bei Menschen, die von einer Infektion nichts wissen. Wir sind in der derzeitigen Situation alle auf verantwortliche Improvisation angewiesen“, sagt Boris Nohé, Chefarzt für Anästhesie und zuständig für die medizinische Krisenkoordination des Landkreises. Wenn eine Küchenangestellte den Stoff-Mundschutz trage, trage sie dazu bei, das Virus weniger zu verbreiten.

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          Bei Trigema ist die Produktion bis Ostern ausverkauft. Die Firma produziert mittlerweile 110.000 Stück pro Woche. Grupp will mit der Produktionsumstellung auch einen Umsatzeinbruch von 50 Prozent kompensieren und nach Möglichkeit Kurzarbeit vermeiden.

          Andere Hersteller haben sich entschieden, hochwertigere Masken herzustellen: Der Unterwäschehersteller Triumph kooperiert mit dem Stuttgarter Automobilzulieferer Mahle, der in der Lage ist, ein Filtergewebe zu liefern, das Viren abfängt und sogar in Atemschutzmasken nach FFP-3-Standard eingesetzt werden kann. „Die Versorgungslage mit allen medizinischen Verbrauchsprodukten, insbesondere aber mit Schutzkitteln, ist nach wie vor prekär. Es kommt vor Ort bislang einfach fast nichts an“, heißt es beim Baden-Württembergischen Landkreistag. Vor allem in Kliniken herrscht ein großer Mangel an FFP-2 und FFP-3-Masken. Am Universitätsklinikum Tübingen reicht der Vorrat offenbar nur noch wenige Tage.

          Das baden-württembergische Gesundheitsministerium setzte zu Beginn der Corona-Krise ein Beschaffungsteam ein, am Freitag sollen nun endlich erste größere Lieferungen eingegangen sein. Hochpolitisch ist die Methode, nach der die Mangelgüter verteilt werden: Die niedergelassenen Ärzte bekommen Atemschutzmasken oder Schutzanzüge aus den Kontingenten, die von der Bundesregierung bestellt worden sind. Verteilt werden sie von den Kassenärztlichen Vereinigungen in den Ländern.

          Die Produkte, die das Land als Spende bekommen hat, die es selbst gekauft hat und die es vom Bund erhält, werden an die Landkreise verteilt. Eine Freitag eingegangene Lieferung von 500.000 Atemschutzmasken wird etwa so aufgeteilt: 70 Prozent bekommen die Landkreise, die sie an ihre Krankenhäuser verteilen, 15 Prozent werden an die Universitätskliniken geliefert, zehn Prozent an die Polizei und fünf Prozent sind für den Justizvollzugsdienst reserviert.

          „Wir bestellen alles, was seriös ist. Es gibt leider viele Glücksritter auf dem Markt. Auch einfache Mundschutzmasken sind für Verkäufer oder Apotheker sicher empfehlenswert“, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums. Eine Pflicht, beim Einkaufen einen Mundschutz zu tragen, will Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vorerst nicht einführen, auch wenn er es empfiehlt. Am Montag sagte Kretschmann in Stuttgart, für eine Pflicht müsse man erst die ausreichende Zahl an Masken haben, ohne dass der vorrangige Einsatz im medizinischen und pflegerischen Bereich beeinträchtigt werde. „Dieser hat absolute Priorität.“ Er werde das Thema am Mittwoch in der Runde der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin aufrufen.

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