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Zweifel an Impfquote : Wo sind die Geimpften hin?

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Nochmal ordentlich was los: Zahlreiche Impflinge warten in einer Schlange auf ihre Impfung. Am letzten Tag der Erstimpfungen am Dienstag hat es im Hamburger Impfzentrum noch einmal Andrang gegeben. Bild: dpa

Die jüngste Umfrage des Robert Koch-Instituts hat Zweifel an der offiziellen Corona-Impfquote genährt. Auch eine Allensbach-Erhebung legt nahe, dass schon mehr Menschen geimpft sind. Weitere Umfragen des RKI sollen Klarheit schaffen.

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          Nach Hinweisen darauf, dass die tatsächliche Zahl der Erstgeimpften in Deutschland möglicherweise deutlich höher sein könnte, als bislang angenommen, plant das Robert Koch-Institut weitere Umfragen, um den Fortgang der Impfkampagne besser beurteilen zu können. Unter anderem sollen im frühen Herbst etwa 3000 Menschen zu Impfbereitschaft und Akzeptanz befragt werden, teilte das Institut auf Anfrage mit.

          Das Ergebnis einer aktuellen Allensbach-Umfrage, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, bestärkt Zweifel an der offiziellen Impfquote. Laut dieser Erhebung sind 68 Prozent der 18-bis 59-Jährigen zumindest einmal gegen Covid-19 geimpft, laut offizieller Impfquote sind es nur 59 Prozent. In der Bevölkerung insgesamt sind laut der Allensbach-Umfrage, für die 1024 Personen befragt wurden, 74 Prozent mindestens einmal gegen Covid-19 geimpft, darunter 60 Prozent vollständig. Nach der offiziellen Impfquote des RKI sind 55,6 Prozent zweimal geimpft und 62,7 Prozent einmal.

          Das RKI hatte am Dienstag eine Umfrage mit rund 1000 Teilnehmern vorgestellt, deren Ergebnisse bei der Zahl der Erstgeimpften in der Altersgruppe von 18 bis 59 Jahren erheblich von der offiziellen Impfquote des Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM) abweichen.

          Das Institut hatte die von den Impfzentren, mobilen Impfteams, den Haus- und Betriebsärzten als verabreicht gemeldeten Dosen im Digitalen Impfquoten-Monitoring (DIM) mit einer Telefonbefragung unter 1005 Erwachsenen verglichen. Für die besonders relevante Gruppe der Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren wies das DIM 59 Prozent aus, die sogenannte Covimo-Umfrage ergab indes 79 Prozent. Als Erklärung führten die Fachleute vom RKI mehrere mögliche Gründe an. Unter anderem wird ein Teil der Impfungen mit Johnson&Johnson, bei denen nur eine Dosis für den vollen Schutz vorgesehen ist, nur als Zweitimpfung erfasst. Außerdem meldeten bisher nur etwa die Hälfte der beim Meldesystem registrierten Betriebsärzte Impfungen über die Webanwendung.

          RKI: Untererfassungen in Meldesystemen generell nicht unüblich

          Wichtig sei, dass die Untererfassung im Digitalen Impfquoten-Monitoring für die Erstimpfungen angenommen wird und nicht für die vollständigen Impfungen, so das RKI am Donnerstag. Untererfassungen seien in Meldesystemen generell nicht unüblich. Das RKI gehe davon aus, dass die Impfquoten das Geschehen sehr zuverlässig abbilden. Des Weiteren sei derzeit eine ergänzende mehrsprachige Befragung in Vorbereitung, die die häufigsten Fremdsprachen abdecken soll, teilte das RKI weiter mit. Damit sollen auch Bürgerinnen und Bürger erreicht werden, die an einer deutschsprachigen Befragung aufgrund ihrer Sprachkenntnisse nicht teilnehmen können.

          Das DIM speist sich aus Meldungen von Impfzentren, Krankenhäusern, mobilen Impfteams und mittlerweile auch Betriebsmedizinern, laut RKI fließen zudem Daten der niedergelassenen Ärzte und Privatärzte ein. Zusammen sind sie Grundlage für das sogenannte Impfdashboard, in dem werktäglich aktualisiert die Impfquoten abrufbar sind. Daneben gibt es noch die Covimo-Erhebungen des RKI, für die Impfquoten anhand von Befragungen hochgerechnet werden.

          Angesichts der Unsicherheit über die Zahl der tatsächlich verabreichten Corona-Impfungen in Deutschland fordern auch Intensivmediziner eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zur bundesweiten Impfquote. „Das Impfen ist der entscheidende Erfolgsfaktor der Pandemie. Wir müssen alles dafür tun, das Vertrauen in die Impfkampagne zu stärken“, sagte der Präsident des Intensivmediziner-Verbands Divi, Gernot Marx, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Das Bundesgesundheitsministerium plant derzeit allerdings keine derartige Umfrage. „Verlässliche Zahlen sind die Basis für die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen“, sagte Marx. Sollte die Impfquote in der Gruppe der 18- bis 59-Jährigen tatsächlich viel höher liegen als gemeldet, „hätten wir gerade mit Blick auf den Herbst eine viel entspanntere Lage“. Die genaue Zahl der Geimpften müsse rasch durch eine unabhängige und repräsentative Umfrage erfasst werden.

          Das Bundesgesundheitsministerium plant derzeit allerdings keine alternative Erfassung der Geimpftenzahlen. „Die Zahl der Impfungen wird täglich ausgewiesen“, erklärte ein Ministeriumssprecher gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. „Diese Zahlen basieren nicht auf Umfragen, sondern auf den Angaben der Impfzentren, niedergelassenen Ärzte und Betriebsärzte, die ans RKI gemeldet werden.“

          SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält es nach eigenen Worten für möglich, dass die Impfquote in Deutschland unterschätzt wird. Seine Beobachtung sei, dass sich die Impfzentren nicht mehr füllten, sagte Lauterbach den Funke-Zeitungen. „Das kann zwei Gründe haben, eine höhere Impfmüdigkeit oder dass die tatsächliche Impfquote höher ist als allgemein angenommen“, erklärte er. Beides sei möglich.

          Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) sagte im RBB, es werde schon seit längerem vermutet, dass die Zahlen nicht korrekt sind. „Das kommt möglicherweise dadurch zustande, dass die elektronische Datenübermittlung an das Robert-Koch-Institut nicht immer gut funktioniert.“ Insbesondere bei Betriebsärztinnen und -ärzten soll es Schwierigkeiten bei den Meldungen geben.

          Nach Angaben des RKI haben in Deutschland 62,8 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten. 56,1 Prozent der Deutschen seien bereits vollständig gegen das Coronavirus geschützt. Unterdessen steigt die Sieben-Tage-Inzidenz weiter an: Am Donnerstagmorgen lag sie bei 27,6 – am Vortag hatte der Wert 25,1 betragen, vor einer Woche lag er bei 19,4. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 5638 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche hatte der Wert für Deutschland bei 3539 Ansteckungen gelegen. Der Anstieg binnen sieben Tagen liegt damit bei 59 Prozent.

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