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Regeln in Pflegeheimen : Verbot des letzten Abschieds

Das Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg. Bild: AFP

In Wolfsburg konnten sich Angehörige nicht von ihren sterbenden Familienmitgliedern verabschieden. Das Heim beharrte auf das Besuchsverbot. Einschränkungen gibt es in allen Bundesländern, doch wie weit reichen sie?

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          Fast zwei Wochen ist es jetzt her, dass der Ausbruch des neuartigen Coronavirus in einem Pflegeheim in Würzburg den Blick darauf gelenkt hat, wie gefährlich der Erreger für die meist sehr alten Bewohner von Pflegeeinrichtungen sein kann. Von neun Toten war zu Beginn die Rede, die positiv auf das Virus getestet worden waren, bis Donnerstagnachmittag waren es schon 21 Tote. Zwar muss stets im Einzelfall geklärt werden, ob die Infektion bei den Betroffenen zum Tod führte, nicht immer muss ein direkter Zusammenhang bestehen. Allerdings weisen Fachleute seit Wochen darauf hin, dass gerade Pflegebedürftige wegen ihres Alters und der oft vorhandenen Vorerkrankungen zur Risikogruppe für schwere Verläufe der Lungenkrankheit Covid-19 zählen.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Überall in Deutschland steigt in diesen Tagen die Zahl der Hochbetagten, die sich in stationären Pflegeheimen mit dem Virus anstecken und sterben. In Nordrhein-Westfalen zählte das Gesundheitsministerium bis Mittwochabend 354 Infizierte in 57 Einrichtungen; 48 Bewohner starben nach einem positiven Corona-Test. In einer Kölner Einrichtung hat es fünf Todesfälle gegeben, zehn weitere Bewohner waren infiziert. In einem Bochumer Pflegeheim starben ebenfalls fünf Bewohner, weitere zehn wurden positiv getestet. Auch in Hessen steigen die Zahlen. Nach dem Tod einer Bewohnerin ist ein Pflegeheim im Odenwaldkreis unter Quarantäne gestellt worden. Die Frau sei bereits am Montagabend auf der Fahrt ins Krankenhaus gestorben, sagte eine Sprecherin des Landkreises in Erbach. Im Pflegeheim selbst wurden 13 weitere Bewohner positiv getestet.

          Im osthessischen Niederaula starben am Dienstag zwei 79 und 83 Jahre alte Männer, das bestätigte der Landkreis Bad Hersfeld. Die beiden seien positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Am Mittwochabend berichtete die Frankfurter Arbeiterwohlfahrt von zwei positiv getesteten Bewohnern in einem Altenzentrum. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) warb daraufhin um Verständnis dafür, dass bis auf wenige Ausnahmen ein Besuchsverbot in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Altenheimen gilt. „Das ist schwer, das ist auch etwas, was ans Herz geht, denn man möchte ja gerne diesen Kontakt gerade mit den älteren Menschen aufrechterhalten. Aber wir dürfen sie nicht gefährden.“

          Pflegeverbände äußern Unverständnis

          Um Pflegebedürftige vor einer Infektion zu schützen, haben alle Bundesländer Besuchsbeschränkungen eingeführt. Zu welchen Tragödien es schon kam, zeigte der Fall des Hanns-Lilje-Heims im niedersächsischen Wolfsburg. Dort gab es einen ähnlich schwerwiegenden Corona-Ausbruch wie in Würzburg, bis Donnerstag starben 22 Bewohner, die zuvor positiv getestet worden waren. In einigen Fällen konnten sich Angehörige nicht von ihren Familienmitgliedern verabschieden, weil sie die Einrichtung nicht betreten durften. Die Diakonie, die das Heim betreibt, bestätigte das.

          Zwar sei es in Niedersachsen grundsätzlich möglich, dass Angehörige sich in Absprache mit der jeweiligen Heimleitung von Sterbenden verabschieden. In Wolfsburg sei aber „anders entschieden“ worden, sagte ein Sprecher der Diakonie Niedersachsen der F.A.Z. „Hier musste abgewogen werden zwischen dem Schutz von Bewohnern und Angehörigen und dem nachvollziehbaren Wunsch von Angehörigen, sich vom Sterbenden oder auch vom Toten noch einmal verabschieden zu können.“ Trotz der Schutzvorkehrungen habe man nicht ausschließen können, dass Angehörige das Virus bei dem Besuch nach draußen tragen.

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