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Corona-Notengebung : Die Eins als Allerweltsnote

  • -Aktualisiert am

In der Abiturprüfung Bild: dpa

Wundersame Intelligenzvermehrung: Noten und Kompetenzen klaffen immer weiter auseinander. Den Abiturienten tut damit niemand einen Gefallen.

          1 Min.

          „Die neue Sechs ist eine Vier“, so beschreiben Schulpraktiker die Verschiebung des gesamten Notengefüges in der Schule. Eine Zwei ist für die meisten Schüler schon keine gute Note mehr. Wer eine Drei bekommt, grämt sich, was aus seiner beruf­lichen Zukunft werden soll.

          Es gibt immer mehr Eltern, die bei einer vermeintlich zu schlechten Note mit dem An­walt drohen. So mancher Lehrer vermeidet derlei Konflikte und gibt eine Gnaden-Drei, um der mühseligen Auseinandersetzung um Punkte und Nachweise aus dem Weg zu gehen.

          Tendenz verstärkt

          Die coronabedingten Erleichterungen bei den Abiturprüfungen haben die Tendenz der vergangenen Jahre mit einer Vervielfachung der Einserabiture verstärkt. Wenn plötzlich bis zu fünf Prozent der Abiturienten die Hochschulreife mit der Bestnote 1,0 ablegen, muss es sich entweder um eine wundersame Vermehrung der Intelligenz und des Fleißes handeln oder um eine Senkung der Ansprüche.

          Alle Leistungsvergleiche der jüngsten Vergangenheit haben nicht et­wa höhere Kompetenzen belegt, sondern das Gegenteil. Hochschullehrer berichten nicht von wachsender Studierfähigkeit, sondern von ei­ner erstaunlichen Ahnungslosigkeit bei einer gleichzeitigen sprachlich-formalen Schwäche.

          Die Noteninflation bei den Abituren spiegelt nicht die wahren Fähigkeiten der Oberstufenschüler. Hinzu kommt, dass die wirklichen Überflieger, die es immer noch gibt, nicht mehr adäquat bewertet werden. Wenn auch der Mitschüler mit nicht einmal hundertprozentiger Erfüllung der An­forderungen eine Eins plus bekommt, dann werden Leistungen durch ermäßigte Anforderungen eingeebnet.

          Die Kultusminister könnten das ändern, in dem sie die Notenverordnung überarbeiten und die jetzt erreichte Vergleichbarkeit überprüfen lassen. Die Tosca-Studie für Mathematik und Englisch, die Abiturientenleistungen in Hamburg und Baden-Württemberg verglich, ist nur ein Beispiel für ein mögliches länderübergreifendes Testformat. Die Minister müssten es nur wollen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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