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Lockdown-Maßnahmen : Hilft es, Restaurants zu schließen?

Ein geschlossenes Restaurant: Ist das die Lösung? (Symbolbild) Bild: dpa

Das Kanzleramt schlägt vor, Restaurants und Kneipen zu schließen. Wie hoch ist die Gefahr, sich dort oder bei der Arbeit anzustecken?

          5 Min.

          Einen weiteren Lockdown sollte es nicht mehr geben. Was das Kanzleramt nun aber vorschlägt, kommt dem sehr nahe: Gastronomiebetriebe, Kneipen, Theater, Konzerthäuser, Kinos und Schwimmbäder sollen geschlossen werden. Die Bürger sollen von Privatreisen Abstand nehmen, sich nur noch mit Personen eines Hausstandes treffen, ob im Privaten oder in der Öffentlichkeit. Am Morgen sagte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP), einen zweiten Lockdown mache er nicht mit. Die Verfassungsmäßigkeit aller Maßnahmen müsse gewahrt werden: „Das Grundgesetz gilt auch während der Pandemie.“ Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sagte am Dienstagabend, die Maßnahmen müssten zielgenau sein. Es könnte gut sein, dass besonders ostdeutsche Regierungschefs, deren Länder weniger stark betroffen sind, wie schon beim letzten Mal auf die Wirksamkeit und Zielgenauigkeit der Maßnahmen pochen.

          Timo Steppat
          Redakteur in der Politik.

          Was aber ist zielgenau? Zu Beginn der Pandemie war wenig darüber bekannt, wo sich Menschen anstecken. Die verhängte Kontaktsperre führte nach wenigen Wochen dazu, dass die Infektionszahlen stark zurückgingen. Als der Alltag wieder langsam Fahrt aufnahm, die Zahl der Kontakte bei Infizierten laut Gesundheitsämtern in die Höhe ging, waren bereits für jede Form menschlicher Zusammenkunft Hygienepläne entwickelt worden. Meistens folgen sie den Prinzipien: Abstand halten, so lange wie möglich Maske tragen und Kontakte nachverfolgen. Das gilt besonders für die Gastronomie, die nun womöglich wieder schließen muss. Wer sich in einer Kneipe mit drei Freunden im Schankraum traf, hatte keine absolute Sicherheit; aufgrund der Nähe, die sehr wohl häufig entstand, hätte man sich leicht anstecken können. Durch den Abstand der Tische und das Maskentragen auf dem Weg zum Klo sollte aber vermieden werden, dass ein größerer Ausbruch entsteht.

          Der Blick auf die Infektionsursprünge ist trügerisch. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts, die im August veröffentlicht wurde und die auf 7800 Corona-Ausbrüchen basiert, die sich zuordnen ließen, kam von März bis August nur selten zu Ansteckungen in der Gastronomie. Kam es doch dazu, steckten sich fünf Personen an. Das ist nicht wenig. Doch die Zahlen wurden erhoben, als die meisten Lokale im Außenbetrieb arbeiteten. Aktuellere Zahlen aus den Ländern zeigen ebenfalls geringe Infektionen in diesem Bereich. Mitte Oktober ließen sich von den aktiven Corona-Fällen in Hessen nur 0,4 Prozent auf Gaststätten oder Restaurants beziehen. Ähnlich niedrig sind die Werte in anderen Ländern. Und ähnlich ist es auch in Hotels, die für sich genommen selten ein Übertragungsort sind.

          Warum gibt es so viele Ausbrüche bei der Arbeit?

          Allerdings konnten die Gesundheitsämter bereits vor Monaten, als noch keine Reiserückkehrer die Zahlen hochschnellen ließen, die meisten Neuinfektionen nicht mehr zuordnen. In Großstädten wurden die Kontaktlisten in Restaurants und Gaststätten nicht mehr angefordert. Das bedeutet, es gibt wohl keine großen Ausbrüche, die auf Kinos oder Gastronomie zurückzuführen sind. Angesichts hoher Infektionszahlen und einer höheren Verbreitung des Virus dürfte die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung in einem geschlossenen Schankraum viel höher sein als noch im Sommer in Biergärten.

          Die meisten rückverfolgbaren Infektionen finden im privaten Umfeld statt. Sie machten zuletzt die Hälfte aus. Innerhalb einer Familie oder einer Wohngemeinschaft kann niemand zum Maskentragen verpflichtet werden. In der Beschlussvorlage des Kanzleramtes werden die Bürger gebeten, „die Kontakte zu anderen Menschen außerhalb der Angehörigen des eigenen Hausstands auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzieren“. Ab sofort solle, so heißt es weiter, der Aufenthalt in der Öffentlichkeit nur mit den Angehörigen des eigenen Hausstandes sowie eines weiteren gestattet werden. In Nordrhein-Westfalen gingen Ende September sieben Prozent der ermittelten Fälle (etwa die Hälfte) auf Sozialkontakte zurück. Das könnte aber auch mit der schwierigen Nachverfolgbarkeit zu tun haben.

          Ziel ist es, das Arbeitsleben möglichst aufrecht zu erhalten. Arbeitgeber werden lediglich aufgefordert, Homeoffice zu ermöglichen. Betriebe, die darauf nicht ausweichen können, sollen weiterarbeiten dürfen. Die meisten verfügen ja auch, wie Arbeitgeberverbände hervorheben, über Hygienekonzepte. Im Bericht des RKI aus dem August ist die Zahl der Ausbrüche, die auf Arbeitsstätten zurückzuführen sind, relativ hoch. Es handelt sich um mehr als 400 Ausbrüche und mehr als 5000 Fälle, die darauf zurückgehen. Dazu dürften allerdings auch die Corona-Cluster in Schlachthöfen in Ostwestfalen zählen.

          Aus Gesundheitsämtern hieß es immer wieder, dass sich größere Cluster in Unternehmen leichter zuordnen ließen als etwa Feiern im Freien, für die es keine Sitzordnung oder Kontaktnachverfolgung gibt. Unabhängig voneinander dauerte es in Offenbach und Frankfurt einige Tage, um dort zwei Corona-Ausbrüche in Logistikzentren zuzuordnen. In beiden Fällen ließ sich der Ausbruch eingrenzen, die Unternehmen mussten nicht geschlossen werden. Von den 30 Prozent aller aktiven Corona-Fälle in Hessen ließen sich Mitte Oktober knapp fünf Prozent auf Arbeitsstätten zurückführen. In Thüringen, wo Mitte Oktober noch mehr als die Hälfte der Corona-Fälle zugeordnet werden konnte, wurden 25 Prozent auf Arbeitsstätten zurückgeführt.

          Ein riesiges Dunkelfeld

          Während der Einzelhandel geöffnet bleiben soll, wo es fast keine nachgewiesenen Fälle gibt, sollen viele andere Dienstleister schließen, bei denen Kontakt unvermeidlich ist. Dazu zählen Kosmetikstudios, Tattoo-Studios oder Massagepraxen. Auch wenn die Hygienebestimmungen (vor allem Masketragen) und die notwendige Nähe ähnlich sein dürften, müssen Friseursalons nach dem Willen des Kanzleramtes nicht schließen. Es könnte also sein, dass in einem Land ein Kosmetikstudiobetreiber gegen die Ungleichbehandlung klagt. Im Fall des Beherbergungsverbots entschied der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof, dass die Politik nicht genügend Daten über Ansteckungen in Hotels zur Verfügung hätte, um ein solches zu begründen. 

          Doch angesichts des Dunkelfeldes lässt sich häufig nur schwer klären, wo sich jemand angesteckt hat. In 70 Prozent der Corona-Fälle wurden dem Robert-Koch-Institut bis zum Spätsommer keine zugeordneten Ausbrüche gemeldet. In Bayern waren es zuletzt 80 Prozent, bei denen die Gesundheitsämter kein Quellcluster ausmachen konnten. Wenn also die Rede davon ist, dass von den 20 Prozent zugeordneter Fälle in Bayern bei mehr als der Hälfte die Infektion zuhause erfolgte, ist das irreführend. Das Risiko einer Infektion zuhause ist unvermeidbar und am leichtesten im Nachhinein zu verfolgen. Hat der Sohn Corona, haben es wahrscheinlich auch der Vater oder die Mutter. Wenn es also um die Suche nach Ansteckungen im Hotel geht, wird die wahrscheinlich nicht auf dem Zimmer erfolgt sein oder im Foyer, während jemand Maske trug. Es könnte aber im Zug passiert sein, beim Abendessen im Restaurant, wo man keine Maske am Platz trägt oder beim Treffen mit Freunden in einer anderen Stadt. Studien gibt es nur wenig. Es bleibt das überschaubare Grundwissen, das schon relativ früh in der Pandemie bekannt war: In geschlossenen Räumen zirkulieren Aerosole – und die führen zu Ansteckungen. 

          Anders ist der Kenntnisstand bezogen auf Kinder. Schulen und Kindergärten sollen geöffnet bleiben. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Kinder sich seltener anstecken und zumindest nicht häufig zu Überträgern werden, was man zunächst befürchtet hatte. Das Risiko ist also kalkulierbar; vor allem aber ist sich die Politik der Konsequenzen bewusst: Schließen Schulen und Kitas, fehlen vielen Beschäftigten in medizinischen Berufen die Betreuungsmöglichkeiten. Und inzwischen kennt man sehr genau den Schaden, den ausfallender Präsenzunterricht besonders für sozial schlechter gestellte Kinder hat. Wer allerdings schon seit einigen Tagen aufbegehrt, sind die Lehrerverbände. Sie wünschen sich für ihre Mitglieder, die ständig Kontakt mit vielen jungen Menschen haben, mehr Schutz als bislang.

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